Konflikt und Überdruss – keine Ausrede
„Das Dritte Reich und wir“
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Die Geschichte gehört zum Allgemeinwissen – aber nicht zum persönlichen.

Aufarbeitung. Ein Projekt der Uni Gießen und des Deutschen Feuerwehrverbandes will den Nationalsozialismus im Kleinen aufarbeiten. Dabei kann jede:r mitmachen. 

Über die NS-Zeit ist vieles historisch bekannt, das wissen auch die Historiker:innen der Justus-Liebig Uni in Gießen. Doch beteuern sie noch viele offene Fragen, gerade was Dörfer, Gemeinden, Vereine und Familien angeht. Deshalb wollen sie mit dem Projekt „Das Dritte Reich und wir Bürger:innen“ dazu motivieren, sich mit offenen Fragen aus dem persönlichen Umfeld oder der Gemeinde näher zu beschäftigen. 

Die Projektleiterin Prof. Dr. Ulrike Weckel gibt zum Projekt an, dass es einen Unterschied mache, ob ein Mensch eine Dokumentation über beispielsweise Zwangsarbeit sieht oder ob dieser Mensch etwas über die Geschichte des:der Zwangsarbeiter:in im eigenen Ort erfahre. Nur wenige Bürger:innen hätten die Geschichte des Nationalsozialismus persönlich erforscht. Dafür bräuchten wir keine Professor:innen, die moralische Lehren erteilen. Das Angebot ist deswegen eine Hilfe in Form einer fachlichen Unterstützung an der ein oder anderen Stelle. Der Leiter des Projekts Dr. Clemens Maria Tangerding sieht ein Problem darin, dass Menschen den Konflikt vermeiden wollen und eine Art Überdruss erleben. Dieser entstehe durch mangelnde Partizipation und durch abstrakte, moralisierende Sätze. Er sieht deshalb die Lösung darin, wenn man persönlich involviert wird. Dabei können andere Dinge wie Scham, Leugnen oder Schönreden auftreten, dem der Überdruss dann weicht. 

„Das Dritte Reich und wir“ ist aus dem Projekt „Feuerwehren in der NS-Zeit“ hervorgegangen. Hier haben sich vier Freiwillige Feuerwehren zusammengeschlossen, um die jeweiligen Geschichten ihrer eigenen Wehr aufzuarbeiten. Auch hier sei ein Überdruss bei den Feuerwehrleuten vorgekommen. Doch das Projekt will niemanden dazu zwingen und so bildeten sich freiwillige Gruppen. Die daraus entstandene Kooperation der Uni Gießen und des Deutschen Feuerwehrverbandes wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. 

Um an dem Projekt teilzunehmen, ist eine Anmeldung unter folgendem Link nötig: dasdrittereichundwir.de. Bei der Zusammenstellung eines Teams in der Gemeinde wird auch geholfen. Steht das Team, wird es vier Treffen und anschließend eine Präsentation geben. Der Ablauf sieht vor, dass die Leute von „Das Dritte Reich und wir“ Informationen über die NS-Geschichte Eures Ortes zusammentragen und gemeinsam mit Euch Artefakte aus der Zeit unter die Lupe nehmen. Nach der Auswertung davon werden weitere Rechercheschritte besprochen und mit der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für die Präsentation begonnen. Hiernach wird mit den gesammelten Informationen die Präsentation weiter ausgefertigt, sowie versucht, hiesige Institutionen und Vereine mit ins Boot zu ziehen. Abschließend werden die Ergebnisse in der Gemeinde präsentiert. Es hängt von den Möglichkeiten ab, aber es wird versucht, die Ausstellung für mehrere Wochen bereitzustellen und so aufzubereiten, dass sie auch transportiert werden kann, um woanders präsentiert zu werden. 

Dr. Tangerding sagte über das Projekt: „In der Gruppe dürfen ruhig auch unterschiedliche Ansichten zur Aufarbeitung und divergierende politische Haltungen aufeinandertreffen.“ Weiter gab der Historiker an: „Natürlich kann es Streit darüber geben, wie freiwillig im Einzelfall eine NSDAP-Mitgliedschaft war, was den Einzelnen antrieb und wie wir das heute einordnen und bewerten“. Doch das sollte kein Grund sein, die Geschichte nicht aufzuarbeiten. 

:Lukas Simon Quentin