Der Spiegel macht Stimmung gegen Prostitution
„Bordell Deutschland“
Foto: Patrick Henkelmann
Sex and Crime: Stimmungsmache im Spiegel. Foto: Patrick Henkelmann
Sex and Crime: Stimmungsmache im Spiegel.

Die seit Ende letzten Jahres wiedergekehrte Debatte um eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes wird diesmal massiver denn je von den Medien befeuert. Auch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sprang nun auf diesen Zug auf; so titelte die am 27. Mai 2013 erschienene Ausgabe reißerisch: „Bordell Deutschland. Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution fördert“. Wie bei solch einem Titel schon zu erwarten, nimmt der entsprechende Artikel klar die Position von ProstitutionsgegnerInnen ein – samt altbekannter, unbewiesener oder falscher Behauptungen und Pauschalisierungen. Die streitbare Prostituiertenorganisation Doña Carmen e.V. bezeichnet den Spiegelartikel in einer (auf donacarmen.de zu findenden) Stellungnahme als „Lumpenjournalismus“ und wirft dem Magazin vor, bei diesem Thema „rassistische Vorurteile“ gegen Osteuropäerinnen zu bedienen. Die :bsz setzt sich im Folgenden exemplarisch mit einigen Aussagen beider Texte auseinander.

Der Spiegel stellt die Stoßrichtung seiner Titelgeschichte gleich zu Anfang des Heftes klar: „Die Autoren kritisieren die Gleichgültigkeit der Bundesregierung, die sich gegen ein neues Prostitutionsgesetz wehrt – während andere Länder in Europa bereits ihre Gesetze verschärft haben“. Gemeint ist die in Schweden 1999 in Kraft getretene pauschale Kriminalisierung von Freiern, welche 2009 auch von Norwegen und Island übernommen wurde und aktuell in Frankreich und weiteren westeuropäischen Ländern erwogen wird. Bei ProstitutionsgegnerInnen gilt das „schwedische Modell“ als vorbildlich, da es von der Strafverfolgung her nicht die Prostituierten, sondern ‚nur‘ die Freier bestraft – was natürlich ein De-facto-Verbot der Prostitution bedeutet und das Leben für die Prostituierten härter und gefährlicher macht. Der Spiegel berichtet in besagtem Artikel mit der Überschrift „Ungeschützt“, dass viele Frauen aus Osteuropa durch falsche Versprechen nach Deutschland gelockt würden, um dann hierzulande unter Zwang und unwürdigen Umständen als Prostituierte arbeiten zu müssen. Der Polizei fehle es an rechtlichen Handhaben, die Politik lasse „Menschenhändler und Zuhälter gewähren“. Der Artikel stützt sich vor allem auf die tragischen Schicksale von drei jungen Frauen aus Rumänien und Moldawien sowie auf Aussagen von ProstitutionsgegnerInnen aus unterschiedlichen Bereichen.

Nichts als Behauptungen und Ideologie

Die fünf Spiegel-AutorInnen behaupten unter Berufung auf eine umstrittene – und laut Juanita Henning von Doña Carmen sehr fehlerhafte – Studie von Prof. Axel Dreher (Universität Heidelberg), dass die Legalität der Prostitution im internationalen Trend zu einer Zunahme des Menschenhandels führen würde. Da die Statistiken des Bundeskriminalamtes hierzulande gar keine Zunahme des Menschenhandels im Prostitutionsgewerbe seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes im Jahre 2002 zeigen, sondern im Gegenteil eine deutliche Abnahme, wird die Aussagekraft dieser Statistiken im Spiegel grundlegend infrage gestellt. Aufgrund der angeblich zu beschränkten Möglichkeiten der Polizei und der geringen Kooperationsbereitschaft der mutmaßlichen Opfer – insbesondere von Frauen aus Rumänien und Bulgarien – könne der Menschenhandel in diesem Bereich meist nicht mehr nachgewiesen werden.

Diesen Annahmen für ein entsprechend großes Dunkelfeld stehen zum einen die außergewöhnlich hohe Razzien- und Kontrolldichte im Prostitu­tionsgewerbe gegenüber – jährlich gibt es allein etwa 11.500 Routinekontrollen von Prostitutionsstätten, bei denen ca. 44.000 Prostituierte kontrolliert werden; zum anderen Studien, nach denen fast alle Verfahren wegen Menschenhandels entweder auf Anzeigen der Opfer selbst oder von Personen aus deren Umfeld zurückgehen und nur wenige Prozent auf Razzien der Polizei. Von zu wenig polizeilicher Kontrolle oder mangelnder Anzeigebereitschaft der Opfer sollte also nicht ausgegangen werden. Doch kommen solche Fakten in Artikeln mit Anti-Prostitutions-Tenor leider kaum vor. Stattdessen wird im Spiegel beklagt, dass die PolitikerInnen, welche sich vor zwölf Jahren entscheidend für das Prostitutionsgesetz eingesetzt haben, heute trotz der angeblichen negativen Folgen desselben „keine Reue“ zeigten – und es wird versucht, Druck auf PolitikerInnen auszuüben, die sich einer geplanten Verschärfung dieses Gesetzes aktuell widersetzen.

Der Spiegelartikel übernimmt die Argumentation von Prof. Rahel Gugel (Duale Hochschule Baden-Württemberg), die unverhohlen fordert, das Recht auf freie Berufswahl in Bezug auf die Prostitution zugunsten des ‚Schutzes‘ der Frauen de facto abzuschaffen, da aufgrund der psychischen und sozialen Situation der Prostituierten ohnehin nur eine sehr eingeschränkte Freiwilligkeit vorliegen könne. Gugel ist Dozentin für Recht in der Sozialen Arbeit, hat über das Prostitutionsgesetz promoviert und war für die Hilfsorganisation SOLWODI tätig, die bezüglich der Prostitution zumindest massivste staatliche Kontrolle fordert. Anstatt zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution zu unterscheiden, müsse laut Gugel die Prostitution an sich im Interesse der Frauen bekämpft werden – nach schwedischem Vorbild durch eine Bestrafung der Freier. Für Doña Carmen hat Gugels Position „mit Feminismus und Emanzipation im ursprünglichen Sinne nicht das Geringste gemein“; Gugel predige einen „Untertanen-Feminismus, bei dem Frauen gegen Frauen (in der Prostitution) vorgehen“.

Prostituierte brauchen eine starke Stimme!

In der Stellungnahme der Prostituiertenorganisation wird zudem heftig kritisiert, dass der Spiegel in seinem Artikel „rassistische Vorurteile“ gegen osteuropäische Prostitutionsmigrantinnen bediene. Tatsächlich stellen die AutorInnen Frauen aus osteuropäischen Ländern pauschalisierend als naiv und als leichte Opfer für die Zwangsprostitution dar, die als Prostituierte üblicherweise auch Zwangsprostituierte seien und der Polizei gegenüber stets brav einstudierte Geschichten erzählten. Dabei handelt es sich zwar nicht um Rassismus, sondern um falsche Vorurteile gegen Frauen bestimmter Nationalitäten, doch sind auch solche natürlich klar abzulehnen und zu bekämpfen. Weder dürfen Prostituierte allgemein als Opfer stigmatisiert werden, noch Prostituierte bestimmter Herkunft.

Sozusagen als Feigenblatt findet sich im Spiegel zwischendurch immerhin noch ein Beitrag über eine zweifellos freiwillig arbeitende Escort-Dame, die sich bei einer im Aufbau befindlichen deutschlandweiten SexarbeiterInnen-Vereinigung (sexwork-deutschland.de) sowie bei den Piraten politisch für den Erhalt und Ausbau ihrer Rechte einsetzt. Doña Carmen zieht als richtiges Fazit: „Die SPIEGEL-Journalisten haben mit ihrem Artikel nur eindrücklich aufs Neue belegt, wie wichtig eine eigenständige Organisation von Sexarbeiter/innen ist.“

Patrick Henkelmann

 

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