Seit über zehn Jahren arbeitet die 51jährige Gabriele Gramckow als Kassiererin bei der früheren Edeka-Filiale in Witten-Crengeldanz, die mittlerweile von Marktleiter Norbert Bertram erworben wurde. Dieser hatte nach der Übernahme des inzwischen nach ihm benannten Geschäfts nichts Eiligeres zu tun, als die bestehenden Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und den neugegründeten Betriebsrat mit Abmahnungen zu überziehen. Rekordverdächtig: Als Betriebsratsvorsitzende erhielt Gabriele Gramckow sogar vier Abmahnungen an einem einzigen Tag! Aus MitarbeiterInnenkreisen erfuhr die bsz zudem, dass neue Arbeitsverträge in Bertrams Laden sogar eine Einverständniserklärung mit systematischer Videoüberwachung der MitarbeiterInnen enthalten. „Das kommt nicht mal bei Lidl vor“, kommentierte ein Prozessbeobachter diesen mutmaßlich sittenwidrigen Vertragsbestandteil.

Uhren im Spint als Kündigungsvorwand?

Den bisherigen Höhepunkt der Repressalien gegen die engagierte Betriebsrätin und ver.di-Gewerkschafterin stellt der aktuelle Prozess vor dem Arbeitsgericht Bochum dar: Mit dem Vorwurf, Frau Gramckow habe zwei Tschibo-Uhren im Gesamtwert von etwa 35 Euro entwendet, die sich in ihrem im Beisein der Hausdetektivin geöffneten Spint befunden hätten, erhielt sie von ihrem Arbeitgeber eine fristlose Freistellung. Seit dem 6. Januar – unmittelbar vor Beginn wichtiger Verhandlungen im Betrieb um die Lohnhöhe der Beschäftigten und längere Öffnungszeiten – ist Gabriele Gramckow „freigestellt“: Bertrams Geschäft, wo insgesamt 45 MitarbeiterInnen beschäftigt sind, darf sie seitdem nur noch zur Erledigung von Betriebsratstätigkeiten betreten.

Zuversicht trotz Repression

Nachdem der Betriebsrat dem Ansinnen des Geschäftsinhabers, die Vorsitzende des Gremiums im Handstreich vor die Tür zu setzen, jedoch am 8. Januar eine Absage erteilte, versucht Bertram nun vor dem Arbeitsgericht, die Ersetzung der Kündigungszustimmung seitens des Betriebsrats durch ein Gerichtsurteil zu erwirken. Bis zum Fortsetzungstermin der Verhandlung (voraussichtlich im April) findet nun die „Beweisaufnahme“ statt. Gabriele Gramckows Anwalt, Wolfgang Schulze-Allen, ist sich jedoch ganz sicher: „Die Gerechtigkeit wird siegen!“

Verdachtskündigung kein Einzelfall

Die Bochumer Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen vergleicht den aktuellen Vorgang mit dem Fall der „Emmely“ in Berlin: „Dort wurde versucht, eine unbequeme Kollegin im Einzelhandel ebenfalls durch eine Verdachtskündigung loszuwerden – indem man sie der angeblichen Unterschlagung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro bezichtigte.“ In diesen Tagen steht die Urteilsverkündung in der Revisionsinstanz vor dem Landesarbeitsgericht Berlin an, nachdem eine Rücknahme der Kündigung durch den Arbeitgeber (Kaiser‘s-Tengelmann) erstinstanzlich abgelehnt worden war. Zu hoffen bleibt, dass eine solche Praxis keine Schule macht – ansonsten wäre einem beispiellosen Roll-Back von ArbeitnehmerInnenrechten und einem Rückfall in Vorkriegsverhältnisse wohl Tür und Tor geöffnet.

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