Fast 8.000 SchülerInnen an 400 Schulen haben 2006 die Aufgaben der Iglu-Studie gemacht. Zwar liegen die SchülerInnen in Deutschland mit durchschnittlich 548 von 700 erreichbaren Punkten über dem Durchschnitt der teilnehmenden Länder und Regionen, aber auch in dieser Studie zeigt sich, was eigentlich alle schon wussten: Nicht die Leistung, sondern eher die soziale Herkunft entscheidet darüber, auf welche Schule ein Kind nach der Grundschule gehen darf. Das zeigt die Auswertung der Fragebögen, die von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern beantwortet wurden. Ein Ergebnis von 498 Punkten überzeugt gut verdienende Eltern davon, dass ihr Kind das Gymnasium besuchen sollte. Ärmere Eltern trauen ihrem Kind das erst bei 606 Punkten zu. Noch bessere Leistungen erwarten die LehrerInnen. 614 Punkte muss ein ArbeiterInnenkind erreichen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, bei einem AkademikerInnenkind reichen 537 Punkte.

Die Fragestellungen von Studien, bei denen am Ende eine Zahl Auskunft darüber gibt, was ein Kind versteht, treiben oft seltsame Blüten. Eine solche Studie kann auch nicht alle Ebenen des Verstehens abdecken.

Schwierig: Welpen erziehen

In der ersten Iglu-Studie 2001 sollten die Kinder zum Beispiel den Text „Welpen erziehen“ lesen, in dem zwei australische Kinder einen Welpen zum Blindenhund erziehen. Danach sollten sie aus vier Antwortmöglichkeiten auswählen, welches das wichtigste Ziel des Textes sei – erstens „eine Geschichte über einen Welpen erzählen, der ein Blindenhund werden soll“, zweitens „dich dazu zu bringen, dass du Welpenerzieher werden willst“, drittens „zu beschreiben, wie du Welpen behandeln musst, die Blindenhunde werden sollen“, oder „zu erklären, wie man Welpen erzieht, die Blindenhunde werden sollen“. Die vierte Antwort war die richtige, aber was sagt es letztendlich über die Fähigkeiten eines Kindes aus, wenn es diese Antwort angekreuzt hat?

Schwierig sind die Aufgaben nicht nur für Kinder, die nach dem Lesen tatsächlich gerne einen Welpen zum Blindenhund erziehen möchten und das für das wichtigste Anliegen des Textes halten, sondern auch für Kinder, deren Eltern aus dem Ausland stammen, und die zu Hause möglicherweise in einer weiteren Sprache sprechen oder lesen. Und so fallen die Iglu-Ergebnisse gerade in den Bundesländern besonders gut aus, in denen wenig MigrantInnen leben. In Thüringen, dessen SchülerInnen am besten abschnitten, sind das zwei Prozent. Die schlechtesten Ergebnisse gab es in Berlin, wo 13,9 Prozent der Bevölkerung migrantisch sind, in Bremen, wo es 12,7 sind, und in Hamburg mit 14,2 Prozent. Eine Konsequenz aus der Studie müsste sein, dass anders oder mehrsprachig aufwachsende Kinder besser gefördert werden. In den Bundesländern gibt es dafür schon unterschiedliche Konzepte. Ein Sprachtest im Kindergarten wie es ihn in Nordrhein-Westfalen gibt, der eher auf auswendig gelernte Sätze setzt als auf wirkliches Verstehen, bringt indessen wenig. Das insgesamt gute Abschneiden bei der Iglu-Studie und die geringen Unterschiede von stärkeren und schwächeren SchülerInnen zeigen jedoch, dass die Grundschulen funktionieren. Problematisch wird es vor allem bei den weiterführenden Schulen. „Längeres gemeinsames Lernen in integrierten Ganztagsschulen und die effektive Unterstützung der Lehrkräfte bei der individuellen Förderung sind Erfolgsrezepte“, meint Marianne Demmer, Vize-Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

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