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Die Luft riecht alt und abgestanden, wenn man das Wohnheim durch seinen Eingang von der Markstraße aus betritt. Lediglich die ausgehängten Orientierungspläne für die Feuerwehr begrüßen die BesucherInnen und weisen den Weg ins Erdgeschoss. Treppenhaus und Foyer sind menschenleer. Die Fenster zu den Gemeinschaftsräumen sind mit Packpapier abgeklebt. Beinah unweigerlich kommt das Gefühl einer verlassenen „Geisterstadt“ auf. Lediglich die Schritte in einem Treppenhaus oder das Zufallen einer Tür beweisen: Im Papageienhaus wohnt noch wer.

Wir treffen auf Hursit und Minh. Beide wohnen seit einigen Monaten im Papageienhaus und waren bereit, uns Auskunft zu geben.

bsz: Wie ist es, in diesem Haus zu wohnen?
Minh: Schon erschreckend. Die Flurtüren sind alle verschlossen, und ich habe nur einen Schlüssel zu meinem eigenen Flur. Über die Hälfte der Zimmer auf meiner Etage sind unbewohnt.
Hursit: Und die Zimmer sind in einem schlechten Zustand. Abgesehen von etwas Farbe wurde in den letzten Jahren nicht viel investiert.

bsz: Das klingt ja nicht nach traumhaften Zuständen. Warum bist du hier eingezogen, Minh?
Minh: Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht genau, wo ich wohnen könnte, und da habe ich eine Anzeige von der Markstraße gelesen. Da ich sofort einziehen konnte, habe ich das Angebot angenommen. Mittlerweile suche ich aber nach einem anderen Zimmer.

bsz: Was kostet ein Zimmer in der Wohnanlage hier?
Hursit: Dafür, dass es in einem so schlechten Zustand ist, ist es ziemlich teuer. Ich zahle für mein Zimmer etwas über 200 Euro. Da sind dann Nebenkosten, Fernsehen und Internet drin enthalten. Trotzdem: Für 12 Quadratmeter viel Geld.

Vom Abschreibungsobjekt zum Verlustobjekt

In der Tat sind sowohl die Zimmer als auch die Gemeinschaftseinrichtungen in einem sehr schlechten Zustand. Gebaut wurde die Wohnanlage als Abschreibungsobjekt von Bochumer ÄrztInnen und RechtsanwältInnen. Als die steuerlichen Vorteile jedoch ausgeschöpft waren, suchte man einen Partner, mit dem der Betrieb weitergehen konnte. In den Neunziger Jahren beteiligte sich der paritätische Wohlfahrtsverband an der Wohnanlage. Der steigende Investitionsbedarf machte jedoch einen Verkauf erforderlich. Unter anderem war auch das AKAFÖ als Käufer im Gespräch: „Wir haben damals davon Abstand genommen, in diese Immobilie zu investieren“, meint Joachim Kiewald vom AKAFÖ. „Sowohl die Kosten für den Erwerb als auch die Belastungen, die durch einen Umbau entstanden wären, um die Wohnanlage auf AKAFÖ-Standard zu bringen, hätten Mieten jenseits von Gut und Böse entstehen lassen.“ Anders sah dies wohl der Schiffs- und Industrieservice Reimche aus Hamburg. Dieser kaufte das Wohnheim und hält es seitdem. Bereits direkt nach der Übernahme kam es zu drastischen Mieterhöhungen – und trotzdem schien die Wohnanlage rote Zahlen in die Bücher der Hamburger zu schreiben, so dass es nun zur Insolvenz kam.

Mit der Verwaltung der Immobilie ist eine Bochumer Rechtsanwältin betraut. Sie versucht nun, die Forderungen der GläubigerInnen zu befriedigen und den Betrieb der Wohnanlage weiter aufrecht zu erhalten. Ob die Wohnanlage aber weiterhin als Studierendenwohnheim genutzt wird, ist zumindest fraglich: Es mehren sich die Gerüchte, dass unter den BewohnerInnen auch immer mehr ausländische Zeit- und Leiharbeiter sein sollen, die für ein halbes Jahr dort untergebracht werden.

Quo volas, Papagei?

Die Zukunft der Wohnanlage ist mehr als ungewiss. Einen künftigen Eigentümer erwarten hohe Investitionskosten, um die Anlage umzugestalten, eine immer geringer werdende MieterInnenschaft und damit sinkende Einnahmen zur Sicherung des laufenden Betriebs. Ob sich bei der derzeitigen Lage auf dem Bochumer Wohnungsmarkt hierzu jemand bereitfinden wird, muss die Zukunft klären. Ansonsten blickt das Papageienhaus in jene Zukunft, die ein Rundgang durchs Foyer bereits erahnen lässt.

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