Japan will SchülerInnen vertrimmen

Um Aufmüpfigkeit, Disziplinlosigkeit und Gewalt, die angeblich an Japans Schulen Einzug halten, adäquat zu begegnen, spricht sich Ministerpräsident Shinzo Abe für die Wiedereinführung der Prügelstrafe aus. Eine Expertenkommission hat jüngst den Vorschlag unterbreitet, freche und faule Schüler in die Ecke zu stellen oder mit leichten Schlägen auf den Kopf zu züchtigen. Das fand nicht nur Anklang bei Abe. Auch die Lehrergewerkschaft findet den Vorschlag prima. Das ist besonders deshalb verwunderlich, da es sich bei dieser Gewerkschaft um eine linkspolitische Organisation handelt, die eigentlich eher progressive Ansätze verfolgt. Ein Gewerkschaftssprecher beschwerte sich allerdings, die Eltern würden sich zu sehr auf das Wohl ihrer Kinder konzentrieren. Würden die lieben Kleinen im Unterricht ordentlich vertrimmt, seien die sofort „sehr aufgebracht“.

Die Situation an Japans Schulen, dass muss man den Vorreitern der neuen Prügelpädagogik zugute halten, ist eine besondere. Durch die Regierungspolitik sind die Schüler nämlich schon jetzt so ausgebrannt, dass einige von ihnen keinen anderen Ausweg sehen und sich umbringen. Wer die extrem schwierigen Aufnahmeprüfungen der Universitäten gut bestehen will, steht unter enormem Druck. Besonders, da sich die japanische Elite aus Politik und Wirtschaft fast ausschließlich aus wenigen Elite-Universitäten rekrutiert. Viele Eltern erwarten von ihren Kindern eine steile berufliche Karriere und beginnen schon im Kleinkindalter, sie darauf vorzubereiten. Das Resultat sind unter anderem Aufnahmetests für Kindergärten und extremer Leistungsdruck in einem Alter, in dem verwöhnte europäische Fünfjährige noch nichtmal ihren Namen korrekt schreiben können. Werden diese gedrillten Kinder ein bißchen älter, lassen sie ihren Frust oft an Mitschülern aus. „Wenn man unzufrieden mit sich selbst ist, richtet man den Stress gegen die Schwächeren“, erklärt Aiko Shibata, die einen unabhängigen Kindergarten gegründet hat, der die Kinder mit sanfteren Methoden untertützen soll.

Ohrfeigen gegen Selbstmord

Der Stress führt zu einer horrend hohen Zahl von Mobbingopfern an den Schulen. Eine neue Hotline für Mobbingopfer zählte in einer Woche 27.000 Anrufer.
Im letzten Herbst brachten sich innerhalb einer Woche vier Schüler und ein Lehrer um. In ihren Abschiedsbriefen erwähnten alle Fünf Mobbing an ihren Schulen. „Ein Klassenkamerad erpresst mich. Er wollte 500 Yen von mir, obwohl ich mir nichts von ihm geliehen hatte. Als ich mich weigerte, forderte er 20.000 Yen“, schrieb ein 14-Jähriger aus der Nähe Tokios. 20.000 Yen sind umgerechnet 132 Euro. Noch am Tag vor seinem Selbstmord hatte der Junge sich an einen Vertrauenslehrer gewandt, der mit dem Erpresser sprechen wollte. Die Hilfe kam zu spät.
Mobbing ist eine der Blüten, die der Leistungsdruck treibt – und den Bildungsexperten fällt nichts Besseres dazu ein, als die Situation der Schüler durch körperliche Gewalt zu verschlimmern.

Wie weit sind wir weg?

Im Dezember hat das japanische Parlament ein Gesetz beschlossen, das mehr Patriotismus in die Schulen bringen soll. Ministerpräsident hat sich gleich nach seinem Amtsantritt im September dafür ausgesprochen, die Bildungspolitik von allzu linken Einflüssen zu befreien. Die Regierung will deshalb Veränderungen rückgängig machen, die seit 2002 den Leistungsdruck mildern sollten. Mit dieser neuen Linie versucht die Regierung, Kinder und Jugendliche auf ein Leben als ökonomisches Kanonenfutter im Kampf um die höchsten Profite zu machen, mit denen Japan seinen Platz in der Weltwirtschaft halten will. Denn die Hölle, durch die viele Schüler gehen, ist mit dem Abschluss nicht vorbei. Durch die Wertung der Arbeit in der japanischen Gesellschaft ist der Verlust des Jobs für viele Arbeitnehmer schlimmer als der Tod. Deshalb arbeiten sich manche Japaner buchstäblich zu Tode. Für den Tod durch Überarbeitung wurde in den 1960ern eigens der Begriff „Karoshi“ erfunden. In den 80ern führte das Arbeitsministerium eine Karoshi-Statistik ein. 2005 sind demnach mehr als 300 Menschen an Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Selbstmorden durch Überarbeitung gestorben oder arbeitsunfähig geworden.
Wem all das äußerst schockierend vorkommt, der sehe sich den Umbau der Schulen und Hochschulen in Deutschland genauer an. Denn die propagierte Elitenförderung durch die Exzellenzinitiative, die Einführung von Studiengebühren und die Straffung des Studiums durch den Bachelor erfüllen keinen anderen Zweck als die neue Prügelstrafe in Japan: Wir sollen möglichst schnell, kostengünstig und ohne aufzumucken auf den Arbeitsmarkt geworfen werden. Dumm nur, dass der Arbeitsmarkt durch dieselbe Politik nicht genug Platz für uns alle hat. Das wiederum schafft an den Schulen Frustration und Hoffnungslosigkeit – und wer weiß, wie lange es dauert, bis auch hierzulande die daraus resultierende Gewalt an den Schulen durch regierungsverordnete Prügel gemindert werden soll?

sjn

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