Die Stadtteile Griesenbruch und Stahlhausen werden mit EU-Fördermitteln aufgehübscht. Aus den „Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf“ (euphemistisch für „sozialer Brennpunkt“) soll so das trendige Bochumer „Westend“ mit den Aushängeschildern Jahrhunderthalle und Westpark werden. Was ist von all diesen Planungen zu halten? Um diese Frage von verschiedenen Seiten zu beleuchten, startet die bsz die Artikelreihe „Wem gehört die Stadt“. In loser Reihenfolge widmen wir uns der Bochumer Stadtentwicklung und den zugrunde liegenden Eigentumsverhältnissen.

Konzerthaus fatal

„Die rotgrüne Ratsmehrheit und die bürgerlichen Parteien wollen aus leerer Kasse 15 Millionen für die dennoch ungedeckten Baukosten entnehmen – nebst jährlichen Betriebskosten von 2 Millionen. In einer Zeit, da die WAZ auf der Titelseite mit dem Aufmacher ‚Die Jugend wird kaputt gespart‘ soziale Wirklichkeit auf einen Nenner bringt“, schreibt der Bochumer Amtsrichter Ralf Feldmann im Internetportal bo-alternativ. Er dürfte vielen KritikerInnen des Mammutprojekts aus der Seele sprechen. Dass die Stadt zig Millionen in ein Prestigeprojekt investieren will, während für das Nahverkehrs-Sozialticket und andere Sozialleistungen angeblich kein Geld da ist, macht die fragwürdigen Prioritäten besonders deutlich. Der Streit um das Konzerthaus beleuchtet allerdings nur einen Ausschnitt der Stadtentwicklungspläne.

Bochum wird umbenannt

Besondere Kreativität zeigen die Bochumer StadtplanerInnen derzeit vor allem bei der Namensgebung. Östlich des Bochumer „Westends“ liegt in der neuen Diktion jetzt nämlich das „Viktoriaquartier“. Dieser Name, schamlos aus dem Berliner Stadtteil Kreuzberg geklaut, soll künftig die südliche Innenstadt östlich der Marienkirche bezeichnen. Hier sollen „Unternehmen aus der Kreativwirtschaft“ zur Ansiedlung überredet werden, deren junge gebildete Klientel sich zwischen Schauspielhaus, Konzerthaus und Bermudadreieck wohl fühlen soll. Auch eine Bochumer Off-Theater-Szene wünscht sich die Stadt hier.
Kirche zum Kulturzentrum?

Eine zentrale Rolle spielt dabei die seit Jahren vom Abriss bedrohte Marienkirche. Mögliche Umnutzungspläne scheiterten am Widerstand der katholischen Kirche und an fehlendem Geld. Doch das Kulturhauptstadtjahr scheint dem neugothischen Kirchenbau jetzt zur Hilfe gekommen zu sein: Das Land NRW hat sich grundsätzlich bereit erklärt, 80 Prozent der Kosten zu übernehmen, sollte die Stadt die Kirche kaufen und kulturell nutzen. Seitdem ist der Umzug des Prinz Regent Theaters in den ehemaligen Sakralbau im Gespräch. Inzwischen hat der Rat der Stadt die Verwaltung beauftragt, konkrete Nutzungskonzepte für die Marienkirche zu entwickeln. Die Pläne sollen allerdings mehr als nur das renommierte Bochumer Off-Theater berücksichtigen, so der Beschluss.

Ob die hochtrabenden Pläne rund um die Viktoriastraße wirklich die Bochumer Kulturlandschaft auch abseits von prestigeträchtigen Repräsentationsorten bereichern könnten, oder ob sich Bochum weiterhin nur mit der Übernahme von berühmten Metropolen-Stadtteilnamen lächerlich macht, das ist bisher überhaupt noch nicht absehbar. Und sollten die Vorhaben tatsächlich erfolgreich sein, stellt sich das nächste Problem ein, das unter dem Begriff Gentrifizierung bekannt ist: Die Aufwertung würde beinahe zwangsläufig auch eine Erhöhung der Mieten und damit die Verdrängung von ärmeren Bevölkerungsteilen zur Folge haben – ein Problem, das von den Verantwortlichen auf der vergangenen Ratssitzung schlicht geleugnet wurde.
rvr

Die bsz-Artikelreihe „Wem gehört die Stadt“ zur Bochumer Stadtentwicklung wird in den kommenden Ausgaben fortgesetzt. Dann geht es unter anderem um den lokalen Wohnungsmarkt nach den Verkauf der LEG.

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