So ergab sich zum Beispiel, dass die Fahrgäste angeblich die Anwesenheit von KundenbetreuerInnen für wünschenswert halten – ein Bedürfnis, dass die Bogestra nur zu gern mit der Anstellung von einem Heer von 225 neuen FahrkartenkontrolleurInnen beantwortete – mit öffentlichen Mitteln gefördert, versteht sich (vgl. bsz #748). Seit dem 1. Juni erfahren wir (die Kundinnen und Kunden) darüber hinaus aus einer neuen Kampagne, dass wir saubere und ruhige Bahnen wollen. Seitdem ist das Essen und Trinken in den Fahrzeugen der Bogestra verboten. Ebenfalls untersagt ist es, das Handy als mobile Jukebox zu missbrauchen oder die Kopfhörer so laut aufzudrehen, dass die Musik die anderen Fahrgäste belästigt.

Der unmündige Kunde

Die Kundenzufriedenheitsanalysen haben, so scheint es, auch einen deutlichen Hang der Fahrgäste zur Unmündigkeit zu Tage gefördert. Daher deuchte es der Bogestra auch als angemessen, uns die neuen Verbote gleich in einem Ton zu vermitteln, der diesem Hang Rechnung trägt. „Hier nicht!“ lautet also der Name der neuen Ordnungskampagne (ein, so heißt es in der Pressemitteilung der Bogestra, „eingängiger Slogan“). Die neuen Verbote werden auf zahlreichen Plakaten mit deutlichen Worten vermittelt, zum Beispiel: „Musikhören nur noch über Kopfhörer – und zwar leise. Oder das Gerät ausschalten.“ Diese Semantik erinnert frappierend an gute alte Kindertage: „Sofort ab auf dein Zimmer – und zwar ohne Fernsehen. Oder es gibt ein Donnerwetter.“ Das ist in den Augen der Bogestra offenbar die Sprache, die von KundInnen verstanden wird, welche der Betreuung bedürfen. Die allumfassende Legitimation für die Maßnahmen wird gebetsmühlenartig mitgeliefert: „Unsere Kunden wünschen eine ruhige Fahrt. Unsere Kunden wünschen saubere Busse und Bahnen.“

Bei alldem bleibt der starke Verdacht, dass die Bogestra Einiges falsch verstanden haben könnte. Natürlich antworten KundInnen auf die Frage, ob sie sich eine saubere Bahn wünschen, mit „Ja“. Es macht ja auch keinen Spaß, sich nach dem Aussteigen die Reste fremder Dönertaschen aus den Hosenfalten zu klauben. Die Frage: „Sind Sie in der Lage und willens, einen Kaffee zu trinken, ohne dabei ihre Umgebung in eine klebrige Müllhalde zu verwandeln“ wäre aber sicher ebenfalls mit „Ja“ beantwortet worden. Ein komplettes Nahrungsmittelaufnahmeverbot erscheint daher irgendwie unverhältnismäßig. Das gilt gerade in Anwesenheit von KundenbetreuerInnen – könnten diese doch ein Auge auf Fahrgäste mit Risikopotenzial haben (Riesensandwich, instabiles Fischbrötchen, geschüttelte Sektflasche), anstatt als Hilfssheriffs ein kategorisches Verbot überwachen zu müssen. In seiner momentanen Form hat der angeblich im Namen der KundInnen geführte Feldzug für Kontrolle und Sauberkeit jedenfalls einen ziemlich unangenehmen Beigeschmack.

Evaluationssucht

Ähnlich sieht es beim Ruhebedürfnis aus. Gewiss sind die meisten KundInnen nicht Kool-Savas-Fans genug, um sich seine Lieder ständig in low-fi aus den übergroßen Hosentaschen halbstarker Schulschwänzer (selten: Schulschwänzerinnen) anhören zu wollen. Andererseits können auch Gesprächsfetzen von Studenten (und besonders: Studentinnen), die sich über ihre studivz-Gruppen unterhalten, schnell zu einem Nervenzusammenbruch und/oder Wutausbruch führen. Und doch heißt es nicht (oder etwa: noch nicht?): „Unsere Kunden wünschen eine ruhige Fahrt. Deshalb gilt ab sofort: Unterhaltungen nur schriftlich. Oder Aussteigen.“

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Die Bogestra hat im Übrigen ihren Bedarf an Evaluation noch lange nicht gedeckt. Sie fordert uns (ja, uns) daher dazu auf, unsere Meinung zur neuen Kampagne auf eine dem entsprechenden Infoflyer beigefügte Postkarte zu schreiben und an das Unternehmen zu senden. Als Gewinn winkt eine „Putzhilfe“ im Wert von 150 Euro. Hierbei handelt es sich ausdrücklich nicht – wie ZynikerInnen vielleicht vermuten könnten – um ein menschliches Nebenprodukt der guten Beziehungen der Bogestra zur Agentur für Arbeit, sondern um ein technisches Gerät.

haje

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