Spätkapitalismus
Der Gesellschaftscharakter bei Erich Fromm – Teil II
Der Marketing-Charakter ist konformistisch – offenkundig oder pseudo-individualistisch. Quelle: wikimedia commons, lumaxart, CC-BY-SA v.2.0

In unserer heutigen spätkapitalistischen Gesellschaft droht dem Menschen eine beinahe totale Entfremdung. Wo der sich ständig selbst verkaufende Marketing-Charakter vorherrscht, erlebt sich der Mensch nicht als Individuum mit Geist und Gefühlen, sondern existiert als sozio-ökonomisch bestimmte Abstraktion: er ‚ist‘ sein Job, sein Status und sein Eigentum. Fragen nach dem Sinn des Lebens und weite Teile des menschlichen Potentials werden in der Marketing-Gesellschaft unter dem Streben nach Konsum und Status verschüttet.

Der Gesellschaftscharakter bei Erich Fromm – Teil I
Erich Fromm – ein Humanist und Gegner der Entfremdung. Quelle: DeviantArt, CynderLover4196, CC-BY-ND v.3.0

Das kapitalistische Wirtschaftssystem führt zur Entfremdung des Menschen – allerdings geschieht dies heutzutage teilweise in einer anderen Form als früher. Zu Lebzeiten von Karl Marx herrschte die offene Ausbeutung der Arbeitenden vor, die dadurch an den Rand des Existenzminimums gebracht wurden. In unserer spätkapitalistischen Gesellschaft gibt es dagegen zwar mehr Absicherung, doch droht den Menschen durch das ständige Sich-selbst-Verkaufen dafür eine noch stärkere Entfremdung. Ohne die Analyse der Entfremdung, ihrer Formen und ihrer Auswirkungen lassen sich die immer offenkundiger werdenden gesellschaftlichen Probleme nur eingeschränkt verstehen. Eine diesbezüglich hervorragende, kritische Betrachtung unserer Gesellschaft findet sich in den Werken von Erich Fromm (1900 bis 1980). Der deutsch-jüdisch-amerikanische Soziologe, Psychoanalytiker und Philosoph Fromm machte die Aufklärung über die Entfremdung der modernen westlichen Gesellschaft zum Kern seines Lebenswerks.

Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft
:bsz-Redakteur Kolja Schmidt: „Diese Lektüre lohnt sich!“ Foto: koi / ks

Fünf internationale WirtschaftswissenschaftlerInnen haben ein „globales Manifest zur Rettung der Wirtschaft“ geschrieben. Aus unterschiedlichen Perspektiven analysieren die WissenschaftlerInnen aus Japan, den USA, Indien und Deutschland die derzeitige globale Wirtschafts- und Finanzkrise, indem sie verschiedene Aspekte und Lösungsansätze herausarbeiten. Das im April diesen Jahres erschienene Buch umfasst fünf Einzelbeiträge der ÖkonomInnen und ein gemeinsam verfasstes „Manifest“ mit wirtschaftspolitischen Handlungsaufforderungen an die Politik. Der deutsche Ökonom Dr. Heiner Flassbeck von der Universität Hamburg ist einer von ihnen.

Kommentar: Bewerbungen in einer entfremdeten Gesellschaft
„Du bist nicht dein Job! Du bist nicht das Geld auf deinem Konto! Nicht das Auto, das du fährst! Nicht der Inhalt deiner Brieftasche!“ – Tyler Durden. Grafik: Wikimedia

Man müsse sich verkaufen, heißt es. Nicht auf dem Sklavenmarkt, sondern auf dem Arbeitsmarkt. Bei der Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch findet der Verkauf statt; weite Teile des eigenen Lebenslaufs werden dafür oft schon lange im Voraus geplant. „Verkaufen“ meint hier leider nicht bloß, die eigenen arbeitsrelevanten Qualifikationen zielgerichtet zu entwickeln und authentisch zu vermitteln sowie Missverständnisse zu vermeiden. Reicht es doch häufig nicht, die für die jeweilige Arbeit benötigten Fähigkeiten zu besitzen und zuverlässig zu sein, eventuell noch sympathisch. Nein, der/die ArbeitnehmerIn soll in der spätkapitalistischen Gesellschaft möglichst in jeder Hinsicht so sein, wie es dem/der ArbeitgeberIn vorteilhaft erscheint. Wer sich auf dieses Selbst-Marketing einlässt, der verkauft nicht nur seine Arbeitskraft, sondern potenziell auch seine Persönlichkeit und läuft Gefahr, sein Selbst zu verlieren.