Entfremdung
:bsz-Drogenreihe: Psychoaktive Wundermittel oder gefährliche Nervengifte? Die Neurobiologie hinter Drogentrips
Gespritzt oder geschnupft: Ketamin ist in der Partyszene seit den 70er Jahren verbreitet. Collage: mb

Feiern auf Narkosemittel? Was zunächst nach einem Widerspruch klingt, soll mit Ketamin ganz gut klappen. Denn statt komplett einzuschläfern, schaltet „Special K“ die Schmerzempfindung aus, fährt den Kreislauf hoch und beschert LSD-ähnliche Halluzinationen.

Auf DVD: „Das Zimmermädchen Lynn“
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer putzt am meisten im ganzen Land: Obsessiver Putzfimmel und Entfremdung in „Das Zimmermädchen Lynn“.           Foto: movienet

Saubere Entfremdung: In der gleichnamigen Verfilmung einer Erzählung von Markus Orth zeigt Ingo Haeb das rätselhafte Psychogramm einer obsessiven Frau. 

Kommentar: Der Kurswechsel des Playboy berührt sein Grundproblem nicht
Trendsetterin :bsz: Noch bevor es den „Playboy“ in Deutschland gab, druckten wir in den 60ern nackte Frauenkörper ab (wenn wohl auch mit etwas anderen Absichten) – und noch lange bevor Hugh Hefner sie aus seinem Heft verbannte, taten wir das Gleiche.  Fotos: :bsz-Archiv (1968 – ’69)

Statt leicht bekleideten und nackten Frauen werden im US-„Playboy“ zukünftig nur noch leicht bekleidete Frauen zu sehen sein. Die Marke Playboy wird dadurch kompatibler mit den prüden Regeln der ausufernden Facebook-Matrix. Und die Frauenbilder im legendären Männermagazin gleichen dann mehr den allgegenwärtigen „sexy“ Frauenbildern in der Werbung. Doch war die im Playboy zu sehende Nacktheit ohnehin stets nur ein arg begrenzter und eintönig inszenierter Ausschnitt aus der weiblichen Erotik.

Moderne Zeiten? Überwachung und Entfremdung. Keine Transparenz, dafür prekäre Jobs
Im Getriebe der modernen Technik: Früher Charlie, heute wir. Fotomontage: alx

Was wir mit Charlie Chaplin gemeinsam haben: Die Zumutungen der digitalisierten Gesellschaft machen uns müde und die Technik befördert orwellsche Kontrollverhältnisse.

Ein buddhistisches Buch mit Überraschungen
Nicht nur für BuddhistInnen interessant: Das Buch vom Karmapa Ogyen Trinley Dorje. Foto: Patrick Henkelmann

Ogyen Trinley Dorje kritisiert die Konsumkultur, ist offen für Feminismus und inspiriert zu sozialem Engagement. Der 29-jährige Tibeter in der roten Mönchsrobe stellt als Karmapa einen der allerhöchsten Vertreter des tibetischen Buddhismus dar – und gilt als möglicher Nachfolger des Dalai Lama. Nach seinem im Mai und Juni erfolgten ersten Besuch in Deutschland und Europa ist sein lesenswertes Buch „Das edle Herz“ nun auf Deutsch erschienen.

Der Gesellschaftscharakter bei Erich Fromm – Teil II
Der Marketing-Charakter ist konformistisch – offenkundig oder pseudo-individualistisch. Quelle: wikimedia commons, lumaxart, CC-BY-SA v.2.0

In unserer heutigen spätkapitalistischen Gesellschaft droht dem Menschen eine beinahe totale Entfremdung. Wo der sich ständig selbst verkaufende Marketing-Charakter vorherrscht, erlebt sich der Mensch nicht als Individuum mit Geist und Gefühlen, sondern existiert als sozio-ökonomisch bestimmte Abstraktion: er ‚ist‘ sein Job, sein Status und sein Eigentum. Fragen nach dem Sinn des Lebens und weite Teile des menschlichen Potentials werden in der Marketing-Gesellschaft unter dem Streben nach Konsum und Status verschüttet.

Der Gesellschaftscharakter bei Erich Fromm – Teil I
Erich Fromm – ein Humanist und Gegner der Entfremdung. Quelle: DeviantArt, CynderLover4196, CC-BY-ND v.3.0

Das kapitalistische Wirtschaftssystem führt zur Entfremdung des Menschen – allerdings geschieht dies heutzutage teilweise in einer anderen Form als früher. Zu Lebzeiten von Karl Marx herrschte die offene Ausbeutung der Arbeitenden vor, die dadurch an den Rand des Existenzminimums gebracht wurden. In unserer spätkapitalistischen Gesellschaft gibt es dagegen zwar mehr Absicherung, doch droht den Menschen durch das ständige Sich-selbst-Verkaufen dafür eine noch stärkere Entfremdung. Ohne die Analyse der Entfremdung, ihrer Formen und ihrer Auswirkungen lassen sich die immer offenkundiger werdenden gesellschaftlichen Probleme nur eingeschränkt verstehen. Eine diesbezüglich hervorragende, kritische Betrachtung unserer Gesellschaft findet sich in den Werken von Erich Fromm (1900 bis 1980). Der deutsch-jüdisch-amerikanische Soziologe, Psychoanalytiker und Philosoph Fromm machte die Aufklärung über die Entfremdung der modernen westlichen Gesellschaft zum Kern seines Lebenswerks.

Karl Marx und sein Menschenbild – Teil III
Lohnende Lektüre: Marx und Fromm. Foto: Patrick Henkelmann

Die entfremdete Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem bewirkt nach Karl Marx zwangsläufig auch die Entfremdung des Menschen von seinen Mitmenschen – was schließlich zu einer insgesamt entfremdeten und inhumanen Gesellschaft führt. Ausdruck dieser Entfremdung ist für Marx das Verhältnis, in dem der Mensch zu den anderen Menschen steht. In der entfremdeten Arbeit stehen die Arbeitenden unter der Herrschaft der KapitalistInnen (siehe Teil I in :bsz 964). Das Produkt dieser Arbeit gehört nicht den Arbeitenden selbst, sondern den KapitalistInnen – sie sind der „Herr“ des Produktes, das den Arbeitenden als eine sie wirtschaftlich knechtende Macht gegenübersteht. Die entfremdete Arbeit bewirkt daher nicht nur das Verhältnis der Arbeitenden zum Akt und Produkt ihrer Produktion, sondern auch das Verhältnis, in welchem die KapitalistInnen zu diesen sowie zu den Arbeitenden stehen. Marx betrachtet diese Verhältnisse als das Wesen des „Privateigentums“, welches eine notwendige Folge der entfremdeten Arbeit ist.

Karl Marx und sein Menschenbild – Teil II
Arbeit und Natur: Im Kapitalismus entfremdet. Foto: koi

Nach Karl Marx’ Analyse führt die Entfremdung der menschlichen Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht nur zur Entfremdung der Arbeitenden von ihrer Arbeit und den Produkten ihrer Arbeit, sondern auch zu ihrer Entfremdung von der Natur und sogar von ihrem Menschsein an sich. Mit diesen beiden Formen der Entfremdung wird die in der :bsz 964 begonnene Betrachtung von Marx’ Analyse der Entfremdung des Menschen als Folge der kapitalistischen Produktionsweise nun fortgesetzt. Als Primärquelle dienen dabei wieder die zu Marx’ Frühschriften gehörenden „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844“, in welchen die entsprechenden Gedankengänge des Philosophen und Ökonomen besonders gut nachzuvollziehen sind.

Karl Marx und sein Menschenbild – Teil I
Karl Marx (1861) – ein Humanist und Gegner der Entfremdung. Foto: Wikimedia Commons

Im 20. Jahrhundert beriefen sich revolutionäre Gruppierungen wie die russischen Bolschewiki oder die Anhängerschaft Mao Zedongs auf das Werk des deutschen Philosophen und Ökonomen Karl Marx (1818 bis 1883) und strebten in ihrem Selbstverständnis zum Wohle der Menschen den Fortschritt und den Kommunismus an. Wo diese Gruppierungen oder ihre Ableger gewaltsam an die Macht gelangten, errichteten sie jedoch totalitäre Systeme, von denen einige zu den inhumansten und mörderischsten Regimen der Menschheitsgeschichte gehören. Die Konterfeis von Karl Marx und Friedrich Engels fanden sich in den ‚roten‘ totalitären Staaten allgegenwärtig neben denen von Personen wie Lenin, Stalin oder Mao. Diese propagandistische Vereinnahmung durch den Bolschewismus wurde in der westlichen Welt größtenteils unhinterfragt übernommen und erschwert oder verstellt bis heute leider vielen Menschen den Zugang zu Karl Marx’ tatsächlichem Denken. Dabei hat Marx bereits 1844 in seinen – bedauerlicherweise erst 1932 veröffentlichten – „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ gar vor solch einem „rohen Kommunismus“ gewarnt, wie er später im Bolschewismus verwirklicht wurde.

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