Kolumne

Unterschiedlicher könnten die Quellen der mahnenden Stimmen kaum sein: Nicht allein die literarisch-politische Ikone der 68er, Hans-Magnus Enzensberger, sondern selbst der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, warnen derzeit vor einer sukzessiven Abschaffung von Bürgerrechten. So verwundert es nicht, dass sich am Samstag bei der bundesweiten Demo unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ etwa 20.000 Menschen unterschiedlichster politischer Couleur am Potsdamer Platz zusammenfanden, um in der Hauptstadt gelbe, orange, rote und grüne Flaggen gegen Überwachung und Datenmissbrauch zu zeigen. Derweil verkündet die Kanzlerin kaltschnäuzig, noch nie wissentlich überwacht worden zu sein. Vielleicht meidet die Dame ja grundsätzlich Bahnhöfe,...

Wir schreiben das Jahr 2113. Es ist 20:15 Uhr. Auf allen Kanälen läuft GV-History. Wieder wird das Format von Guido K. moderiert. 2080 kaufte der Medienmagnat, der sich mit Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und Hitler zum Multimilliardär mauserte, dem Bund die angeschlagenen öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ab. Alle anderen Fernsehsender mussten 2065, aufgrund von NEW-EU-Richtlinien, ihren Sendebetrieb einstellen. Heute gibt es nur noch Guido-Vision, kurz GV.

(USch) Wir schreiben Freitag, den 13. Dezember 2013. In der Mensa müsste Fischtag sein – und das wäre gut so, denn als eingefleischter Pescetarier hätte ich nach sechs Tagen Grünzeugverzehr mal wieder richtig Bock auf Lachs. Trotz einer gefühlten halben Stunde Atemnot in der Dank doppeltem Abi-Jahrgang neuerdings auch freitagmittags sardinenbüchsengleich gefüllten U35 taumle ich halbwegs gut gelaunt über den Campus und freue mich auf meinen Fisch, den ich in der neueröffneten Biomensa im ehemaligen Tutorienzentrum einzunehmen gedenke. 

(USch) New York 1960: Die renitenten 60er Jahre hatten gerade erst begonnen, als der für seine ‚autodestruktiven Skulpturen‘ im Zuge des Nouveau Réalisme berühmte und berüchtigte schweizer Künstler Jean Tinguely im Museum of Modern Art die Feuerwehr auf den Plan rief: Vor inzwischen 53 Jahren errichtete er dort ein gigantisches Maschinenkunstwerk, das sich bei der Vernissage planmäßig selbst in Brand setzte und damit unter anderem die industrielle Produktion ‚unnützer Dinge‘ spektakulär in den kritischen künstlerischen Fokus rücken sollte. Wenig später kulminierten Tinguelys bissige Kunstattacken auf die Industriegesellschaft in ‚Kunstsprengungen‘ in der Wüste von Nevada, die weltweites Aufsehen erregten.

Im Jahr 1993 sprang der Orca-Wal Willy majestätisch, seine gesamte Kraft gegen die Gefangenschaft aufbäumend, auf die andere Seite der Mauer – dorthin, wo er schon immer hingehörte: in die Freiheit. Sein Menschenjungenfreund Jesse stand ihm zur Seite oder vielmehr zur Unterseite, die er, tropfnass, aber mit wacker hochgestrecktem Arm, zum Abschied ein letztes Mal streifte. Episch.
So oder so ähnlich hat man sich anscheinend auch die Befreiung des guten alten Handels vorzustellen. Was wäre auch epischer als die größte Freihandelszone der Welt?

Sie klopfen auch bei Nacht, die Herzen der Verborgenen in den tiefen Bäuchen der Lastzüge am neuen Hafen von Tanger. Ihre Körper sind warm wie der Wüstensand an schillernd-blauen Tagen. Keine Hungersnot, kein wochenlanger Sandsturm vermochte ihren unbedingten Lebenswillen zu brechen, und weder der Wucherzins der Zöllner noch das horrende Handgeld der Schlepper konnte ihnen den Mut nehmen. Doch selbst wenn sie auch den Arguslinsen der Thermokameras entgehen, weil sie unweit des aufgeheizten Motors kauern, verrät sie doch der Schlag ihrer Herzen. The disease had sharpended my senses – not destroyed – not dulled them. Above all was the sense of hearing acute. I heard all things in the heaven and in the earth. I heard many things in hell.
 

Dear Diary, I’m totally exhausted… Was war der Juni für’n Höllentrip. Lächeln und winken! Dabei hat mein wahres Ich, der Wolf im Schafspelz, längst die Weltbühne betreten. Und immerhin bin ich der  Erste Präsident mit Nobelpreis. Im Prinzip hab ich ja auch schon echt viel erreicht – oder? Wären da nicht immer diese viel zu hohen Erwartungen, lästigen Dienstreisen und nervigen KollegInnen. Beim Treffen mit Xi Jinping auf Ranch Sunnylands im 42 Grad heißen Kalifornien hatte ich schon den Kaffee auf: Unserer hemdsärmelig lockeres Weltmächtetreffen sollte einen historischen Neubeginn markieren.

Wenn Du gerade auf eine Autobahn auffährst, solltest Du definitiv das Radio ausstellen – insbesondere, wenn Du 1LIVE-HörerIn bist. Denn ansonsten könnte es sein, dass das Wort MAGGIKALYPSE das letzte ist, was noch in den Ohren klingelt und sich in der nächsten Sekunde mit einem schrillen Bremsschrei vermengt, gefolgt von einem dumpfen Knall, der sämtliche Erinnerungen tilgt. Wenn Du Glück hast – oder je nach Verletzungsgrad eben auch Pech –, wachst Du im Bergmannsheil noch einmal auf und wirst geweckt von wuselnden Krankenschwestern und dem WDR-Bericht vom Tage: Ein Brand in einer Chemiefabrik war es also, der die Metropole für Stunden in ein süßliches Duftgewand aus Liebstöckel – auch bekannt als Maggikraut – getaucht hat. Einen ganzen Dienstag lang wird die zahme Sau durchs mediale Dorf getrieben.

Erst die Rechtschreibreform und jetzt das. Sprachwandel – gemacht für Begriffsstutzige. Unterdrückung der Interpretationsfreiheit. Eurythmie in Schriftform. Niemand kann mehr ohne ihn hier: ☺. Er ist überall. Hihi. . Worte, Sätze, logische Aussagen und Zusammenhänge sind sowieso nur noch überflüssig. Voll out und so. Warum sollte man einen sinnvollen Text ausformulieren, wenn man stattdessen die Möglichkeit hat, einen Affen zu versenden, der sich die Augen zuhält? Oder die Abbildung eines Shrimps? Oder einen Kacka-Haufen, der den/die EmpfängerIn höchst blöd angrinst?

Fahrradmietstation in der Fahrradverbotszone. Foto: USch

Wälzt euch im Staub, den ich aufwühle, ihr Maden! Ihr, die ihr euch wie Vieh in die U-Bahn pfercht, küsst den Fahrradweg, auf dem ich fahre. Während ihr mit dem Maul im Dreck rumschmatzt, könnt ihr euch wenigstens nicht beklagen. Ich hab es so satt, von euren kleinen, selbstverschuldeten Wehwehchen zu hören. „Heute war die U35 wieder so voll, ich hatte tatsächlich Schulterkontakt mit anderen Menschen.“ Aber dann gebt ihr einen Monatslohn für überteuerte Festivals in der Eifel aus, die das „Rock“ nicht verdient haben, das sie im Namen tragen! Dort drängt ihr euch zu Abertausenden im Schlamm und drückt eure verfetteten, halbnackten Leiber gegeneinander. Und dafür bezahlt ihr auch noch!

 

Seiten