Kolumne

(Fabian May) Was haben Bahnhöfe und Essensmüll-Vermeidung miteinander zu tun? Zunächst einmal gar nichts, außer dass beide interessante Anlässe zu sozialen Beobachtungen bieten. Für mich sind sie durch zwei Erlebnisse miteinander verknüpft.

Sotschi ist vorbei und die Verantwortlichen der deutschen Mannschaft wie auch der Medien sind irgendwie enttäuscht. Gut, Platz sechs in der Gesamtwertung ist ein schlechteres Abschneiden als 2010 in Vancouver, der aber auch irgendwie nicht gut genug war. Die nun zur Schau getragene Enttäuschung ist allerdings hausgemacht, hat man doch wieder einmal aus der Luft gegriffene Medaillenziele ausgegeben, um dem eigenen Geltungsbedürfnis Ausdruck zu verleihen. Gute Einzelleistungen, ob nun mit Podest oder Top-Ten-Platz honoriert, treten hinter einem Statistikfetischismus zurück, der seinesgleichen sucht.

Es gibt so Begriffe, die gehen einfach nicht mit der Konjunktur: Kritik, Mündigkeit oder Opposition sind solche Wörter. Da kommt dem Neoliberalen der Brechreiz. Gut, dass jetzt mit dem AfE-Turm in Frankfurt ein regelrechtes Reservoir eines solchen kritischen Geistes weggesprengt wurde. In dem 1972 gebauten Hochhaus der Goethe-Uni strebten die meisten StudentInnen das Lehramt an; Geistes- und Erziehungswissenschaften wurden hier studiert (oder gelebt).

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaften und ihre Finanzierung durch Rundfunkbeiträge blicken auf eine lange Tradition zurück. Ein altes Regime, sozusagen. 1923 nahm die Funk-Stunde Berlin als erster Hörfunksender in Deutschland den Betrieb auf. Die 1924 festgelegte Jahresgebühr von 60 Mark entsprach etwa einem Drittel eines durchschnittlichen Monatseinkommens. Das Telegraphengesetz sah nicht nur Geldstrafen, sondern im schlimmsten Fall auch eine Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten für Schwarzhören vor. Schöne alte Welt. Doch die gute alte Zeit der absoluten Macht währte nicht lang genug. Die Privatsender und mit ihnen die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins flimmerten über die bundesdeutschen Matschscheiben.

Petitionen sind was Tolles. Um UnterstützerInnen für ein gesellschaftliches Anliegen zu sammeln, oder GegnerInnen wider ein politisches Projekt, egal; ein Gesuch ist online rasch erstellt und verbreitet. Man wird nicht leugnen können, dass solche Petitionen zum öffentlichen Diskurs einen wichtigen Beitrag leisten, zumal die überwiegende Mehrzahl der UnterzeichnerInnen in den Talkshow- Debatten wohl nie zu Wort käme.

Der Freistaat Thüringen ist zwar das Land ohne Prominente, dafür aber mit den vielen schönen Ecken. Wartburg und Weimar wollen besucht werden und das Kyffhäuser-Denkmal zieht auch Leute in seinen Bann, die nichts mit Drogen zu tun haben. Erfurt hat eine malerische Altstadt, zwei dicke Kirchen direkt nebeneinander, eine Festung und all das, was Menschen sagen lässt: „Erfurt, jaja, das ist eine schöne Stadt.“ Als Hoffnung des Landes und geistige Elite in Ausbildung sind es natürlich vor allem die Studierenden, die an Kunst und Geschichte, Natur und Kultur des Landes interessiert sind. In Thüringen wie in NRW sind die Bahnen vollgestopft mit wissbegierigen und tatendurstigen AkademikerInnen, die ihr Semesterticket in vollen Zügen genießen und von einer Burgruine zum nächsten Naturpark pilgern.

Es war keine gewöhnliche Nacht in Querenburg. Im Wald hinterm BioMedizinPark spielte sich ein seltenes Ereignis ab, ermöglicht durch das Zusammenfallen von StuPa-Wahlen und Vollmond. In der Klause mit den grünen Läden brannte Licht und über der Tür prangte um Schlag Mitternacht der Schriftzug „Zur zerbrochenen Urne“. Aus Dutzenden Gräbern, in denen man jahrzehntelang Wahlurnen samt Stimmzettel verbuddelt hatte, erhoben sich die Geister der vergessenen Listen und strebten ihrer Stammkneipe zu.

Drauß’ vom Walde, da kam er her, der bärtige Mann mit seinem Buch, in dem geschrieben stand, welche Kinder artig und lieb waren. Er beschenkte sie reichlich, doch wohl nicht mit den richtigen Gaben. So meinte Martin, der auch auf Luther hörte, ein Christkind müsse her. Die engelsgleiche Gestalt sollte mit seiner Kraft, der Unsichtbarkeit, die Wünsche der braven Kinder erfahren. Doch das Christkind war nicht lange an der Spitze, denn die amerikanischen Hegemonialinteressen sorgten rasch für klare Verhältnisse. Ein Limonadenkonzern förderte aus der Retorte einen stämmigen Mann mit einer Vorliebe für rote Kleidung (und Limonade). Dieser sollte nun die Wünsche der Menschen erfüllen. Dabei hörte er auch die Gedanken der Erwachsenen, nicht nur die der Kinder.

Liebe NSA,

Entschuldigen Sie, dass ich mich erst jetzt persönlich an Sie wende, wo Sie doch schon so lange an meiner Korrespondenz teilhaben. Dieses rege Interesse schmeichelt mir natürlich. Ich hoffe sehr, dass Ihnen nicht zuviel Mehrarbeit entsteht durch die vielen Rechtschreibfehler und die mitunter ungelenke Handschrift in an mich gerichteten Briefen. Es sind eben Kinder, meistens jedenfalls. Die beigefügten Zeichnungen enthalten im Übrigen, zumindest nach meiner laienhaften Einschätzung, keine Hinweise auf Verstecke von Massenvernichtungswaffen oder Ähnlichem. Bild- und Schriftanalyse können sich Ihre Fachleute also getrost sparen, geschweige denn das Knacken irgendwelcher Codes. Knacken Sie lieber ein paar Nüsse! Hohoho, kleiner Scherz.

Aber Spaß beiseite, ich habe doch ein ernstes Anliegen.

Gespenstisch hallte das Hundegebell und das Gerassel der Baumaschinen über den Campus; sie kamen in den frühen Morgenstunden – Bautrupps, die den geheimen Auftrag hatten, das Unvermeidliche, jedoch niemals real für möglich Gehaltene zu vollziehen: die endgültige Trennung von Mensanien und Transmensanien.

Der Tag des Mauerbaus fiel auf einen Freitag, den dreizehnten – Mitten im Dezember. Egon Kranz gehörte zu den wenigen, die das Glück hatten, im Morgengrauen gerade noch rechtzeitig rüberzumachen, bevor gar nichts mehr ging: „Man hatte zu dieser Stunde noch in einer Nacht- und Nebel-Aktion an den Übergängen am Forum Nordost oder dem Hörsaalzentrum Ost in den Westen flüchten können. Doch bereits gegen 7 Uhr ging gar nichts mehr“, wird er drei Jahrzehnte später der :bsz verraten. Die Erinnerung an die Campusmauer würde für Egon K. noch lange ein kaum zu überwindendes Trauma bleiben: „Am Anfang hätte man nie erwartet, dass die Mauer überhaupt so lange steht. Aber als die Mauer später immer stabiler und fester wurde, wurden einem die Folgen schon so langsam bewusst. Die Hoffnung jedoch gab man nie auf!“

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