Rettet die Wale

Im Jahr 1993 sprang der Orca-Wal Willy majestätisch, seine gesamte Kraft gegen die Gefangenschaft aufbäumend, auf die andere Seite der Mauer – dorthin, wo er schon immer hingehörte: in die Freiheit. Sein Menschenjungenfreund Jesse stand ihm zur Seite oder vielmehr zur Unterseite, die er, tropfnass, aber mit wacker hochgestrecktem Arm, zum Abschied ein letztes Mal streifte. Episch.
So oder so ähnlich hat man sich anscheinend auch die Befreiung des guten alten Handels vorzustellen. Was wäre auch epischer als die größte Freihandelszone der Welt? Nun ist weiter nicht bekannt, ob Kohls Mädchen bei Free Willy auch ein paar Tränen in den Kinosessel weinte, doch die Befreiung des Handels, die ist auf jeden Fall ihr Herzenswunsch. Er ist aber auch wirklich ein tragischer Held, dieser Handel. Seit Jahrhunderten angefeindet und verunglimpft, fristet er seine alten Tage in Gefangenschaft. Doch wie Batman erträgt er die Schmach der Verleumdung und lässt sich dennoch nicht von seinem heldenhaften Weg abbringen. Er weiß, seine Stunde wird kommen. Beschränkt, beengt und eingepfercht, konnte sich unser Held lange kaum bewegen, sich nicht entfalten und in schönstem Gelb erblühen. Doch nun ist es fast soweit – seine längst überfällige Befreiung steht unmittelbar bevor. Die Verhandlungen laufen bereits und lassen sich auch von so ein bisschen Datenhinundher nicht beirren. Es wurde auch Zeit. Schließlich gilt es, China zu überholen, das sich mit solchen Kinkerlitzchen wie BürgerInnenrecht gar nicht erst lange aufhalten lässt. Endlich kann unser Handel dann all die märchenhaft guten Taten vollbringen, die jedes Milchmädchen vorrechnen kann: Dürfen Firmen und Produkte ungehindert konkurrieren, dann macht das alle Beteilig­ten besser. Lockert man den Kündigungsschutz, dann gibt es mehr Arbeitsplätze. Gibt es mehr Produktauswahl, dann sind alle glücklicher oder zumindest freier; und darf alles überall verkauft werden, dann werden alle reicher. Schöne neue Welt. Und es ist ja auch einfach logisch: Muss ein Produkt nicht in den USA und in Deutschland getestet werden, dann kann es schneller und billiger über die Ladentheke. Muss jenes Produkt nicht mehr diesen lästigen europäischen Standards entsprechen, dann darf noch billiger, weil unbeschränkt, produziert und angeboten werden. Und billiger ist immer besser, weil Geiz geil ist. Bestimmt schmeckt genmutiertes Soja, das dann ohne Kennzeichnung bei uns angeboten werden dürfte, auch besser, weil es so hart konkurrieren durfte. Und auch die Milka-Kuh darf in den Ring: Sie tritt an gegen genmutierte, geklonte Turbo-Rinder, vollgestopft mit Wachstumshormonen. Deren Sperma zwar auch jetzt bereits zur Zucht eingesetzt wird, ohne die Verbrauchenden mit Informationen darüber zu behelligen, aber man stelle sich erstmal die Möglichkeiten vor, wenn das deutsche Massentier neben den genmutierten US-Massentieren im Kühlregal liegt. Unendliche Möglichkeiten für die Konsumierenden, sich zu entscheiden. Wer muss da schon wissen, was was ist? Da macht es auch nichts, wenn das Hühnchenfleisch im US-Style mit Chlor keimfrei gemacht wurde – das sieht man ja nicht.
Das alles und noch viel mehr könnte uns ein befreiter Handel bescheren. Deshalb ist auch die ganze westliche Welt so glücklich. Die ganze? Nein. Frankreich kann und will nicht ohne seine subventionierte Filmindustrie sein. Lasst die Hendl Hendl sein – Hollywood darf nicht in die heiligen Hallen der Kulturindustrie. Ach, da sind sie wieder, die Anfeindungen, die Begrenzungen, die goldenen Käfige. Aber unser Lieblingsheld Handel ist nicht allein, er hat gute Freunde; Angela zum Beispiel. Oder Philipp.