Endgegner

Mit letzter Kraft schaffe ich es, die Tür zuzudrücken. Ich stehe noch eine Weile schnaufend, völlig außer Atem, mit dem Rücken zur Tür. Es klopft. Erst leise, dann lauter. „Du wirst mich nicht kriegen“, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Vorsichtshalber renne ich die morschen Treppen hoch, die bei jedem Schritt ohrenbetäubend knirschen. Ich laufe in das Arbeitszimmer meines Vaters und schmeiße die schalldichte, scheinbar undurchdringliche Metalltür hinter mir zu. Atmen. Erst einmal tief durchatmen. Das warme Gefühl der Sicherheit durchströmt meinen Körper, meine angespannten Muskeln werden langsam wieder locker. Doch was ist das?! Ich muss die Gänsehaut abschütteln, die sich wie eine tödliche Schlange unbemerkt um meine Gelenke geschlungen hat. Der zweite Teil meiner Mitschriften liegt schadenfroh auf dem Arbeitstisch meines Vaters verteilt. Wie sind sie hier hin gekommen? Unwillkürlich trete ich mehrere Schritte zurück und stoße gegen die kalte Wand. Ich gucke nach rechts, nach links, nach oben – aber nirgendwo scheint Rettung zu warten. Es ist sinnlos. Sie sind überall.
„Badezimmer!“, schießt es mir durch den Kopf. Mit eingezogenem Kopf drücke ich die Türklinke hinunter, um mit zusammengekniffenen Augen aus dem Raum zu stolpern. Ich versuche, mich zusammenzureißen, schleiche auf Zehenspitzen, leise wie eine Maus, den Flur hinunter. „Hat in der Geschichte jemals eine armselige Maus gegen eine majestätische Schlange gewinnen können?“, fragt mich mein zynisches Alter Ego. „Irgendwann… als es um Leben und Tod ging…  bestimmt…  vielleicht“, antwortet ihm mein anderes Alter Ego, das naive, zögerlich.
Wie ein schlechter James-Bond-Imitator drücke ich mich an der Flurwand bis hin zur Badezimmertür. Meine Finger haben sich zu einer gemeingefährlichen Fingerpistole verschränkt. Ich tapse ins Badezimmer und schließe diesmal genialerweise nicht die Tür, damit nichts und niemand Verdacht über meinen aktuellen Aufenthalt schöpfen kann. Erneut beglückt mich das umarmende Gefühl der Sicherheit. Ich betrachte mich siegessicher im Spiegel. Ein triumphierendes Lächeln wächst mir ins Gesicht. Doch die halbverschmitzte Visagenblume wird sofort wieder von der umweltfeindlichen Erkenntnis kaputt getreten. Ich blinzele. Das muss ein Traum sein. Ich, ich…  Das ist doch Paranoia! Auf dem Spiegel sind blasse Zeichen zu erkennen, welche ein Normalsterblicher für bloße Staub- oder Schmiereansammlungen halten würde. Doch vor meinen Augen sind sie viel mehr als das – aus den Zeichen formen sich Formeln und aus den Formeln verwandelt sich Wissen. Wissen, was in meinen Kopf will. Wissen, was eigentlich in meinen Kopf muss.
Ich gebe auf. Dieser Kampf ist nicht mehr zu gewinnen. Niedergeschlagen verlasse ich das Bad. Ich fühle mich wie ein geborener Blinder, dem das Augenlicht geschenkt wurde und der nun zum ersten Mal sehen muss, wie hässlich die Welt in Wirklichkeit ist. Wie schön ein Leben in Verdrängung und Ignoranz sein kann. Auf dem Flur entdecke ich meinen Füller, auf der Treppe einen Stapel Bücher, die Küche verwaltet meine Zettelwirtschaft, und schließlich öffne ich die Pforte, die ich mit so viel Mühe geschlossen hatte – die Tür zu meinem Zimmer. Der monströse Schreibtisch guckt mich höhnisch an, der unbequeme Hocker lacht mich aus und alle überfüllten Bücherregale strahlen mich demütigend an, als hätten sie’s gewusst. Als hätten sie gewusst, dass ich ihnen nicht entkommen kann.