#768 - megaFON auf höchstem Niveau
Zwischen Revolutionsdrama und psychedelischer Performance Â
Sieben anspruchsvolle und fast ausnahmslos hervorragend inszenierte Stücke waren vom 3. bis 6. Dezember beim siebten internationalen Bochumer Theaterfestival megaFon 2008 an der Ruhr-Universität zu sehen. Sehr schlüssig war auch die Konzeption des mit viel Herz und Verstand organisierten Festivals: So gab es an den beiden ersten Veranstaltungstagen mit Inszenierungen von Gerhart Hauptmanns sozialrevolutionärem Drama "Die Weber", Ernst Tollers "Hinkemann" sowie "play.Fatzer" nach Bertolt Brecht gleich drei Stücke mit gesellschaftlich-politischem Bezugsrahmen im Musischen Zentrum zu sehen. An den letzten beiden Tagen kamen dann vier Inszenierungen zum Zuge, die eher die individuellen Abgründe der menschlichen Psyche in den Blickpunkt rückten. Buchpräsentationen, Workshopangebote, Parties zwischen Elektro-Breakbeat und Transistor-Club-Sounds, gutes Essen sowie eine kunst- und liebevolle Deko rundeten das Festival getreu dem diesjährigen Motto "hotsPOTT" ab.
Fünf gelbgewandete AkteurInnen stürmen ein Fabrikantenhaus und besetzen zeitweilig ein Universitätsgebäude: Dem ehemaligen Bochumer Theaterwissenschaftsstudenten Dirk Schwantes (Interview siehe unten) ist mit seiner "Weber"-Inszenierung der Spagat zwischen Historie und Gegenwart hervorragend gelungen. Zum Teil eng an die Textvorlage von Gerhart Hauptmann angelehnt, wird der rote Faden des dramatischen Geschehens auf einer zweiten Ebene montageartig mit den aktuellen Studierendenprotesten gegen eine zunehmende Ökonomisierung des Bildungssystems verwoben: Mit dem Sturm auf das Haus des Fabrikanten während des historischen WeberÂaufstands von 1844 korreliert die Ausrufung der "Freien Universität Bochum" 2006. Mit während der Aufführung entrollten Banderolen mit Aufschriften wie "Bildet Euch – bildet Banden" oder "Eintritt: 480 Euro" wird zudem die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Protests illustriert sowie ein lokaler und zeitlicher Bezug zur überwiegend studentischen Klientel der FestivalbesucherInnen hergestellt. Alles in allem ist diese erstmalige Auftragsinszenierung des megaFON-Festivals ein mutiger Versuch zur Repolitisierung des Theaters und des Publikums, an dessen Leidenschaft appelliert wird, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und bei künftigen Protesten solidarisch zu handeln, anstatt sich gegeneinander ausspielen zu lassen.Toller Toller
Auf der ansonsten leeren Bühne steht nichts als ein Holztisch, über dem eine Blechschaufel schwankt wie das
In autoreferentiellen symbolhaften Verstrickungen stecken bleibt dagegen "play.Fatzer" von Martin Kreidt (Mülheim): Zwar versucht er in seiner an das Textfragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" von Bertolt Brecht angelehnten Inszenierung mit seinem jungen Ensemble das zuweilen harte, ausgrenzende "Miteinander" in der Gegenwartsgesellschaft abzubilden, das allzu oft in ein brutales Gegeneinander umschlägt. Die Stärke seiner auf gruppendynamische Prozesse bezogenen Symbolsprache wird jedoch zugleich zur Schwäche des Stücks, indem diese in ihrer Selbstbezüglichkeit hermetisch bleibt und ein "Außen" nur durch einen weitgehend abstrakt bleibenden Kriegszustand und daraus resultierenden Hunger vage in Erscheinung tritt. Â
Verstörende und befreiende Performances
www.megafon-theaterfestival.de
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