PostHeaderIcon #812 - Studis auf den Barrikaden

Rektorat gestürmt

(USch) Wir schreiben Mittwoch, den 9. Dezember 2009. Zwölf Uhr mittags: über 1.500 Studierende beschließen auf der Vollversammlung (VV) im wiederbesetzten Audimax nach engagierter, zeitweise hitziger Debatte über inhaltliche Details einen umfassenden (bildungs-)politischen Forderungskatalog an die Leitung der Ruhr-Universität sowie die Landes- und Bundespolitik. Doch dabei bleibt es nicht: Zahlreiche Teilnehmende versammeln sich nach der VV vor dem Gebäude und beschließen spontan, zum RUB-Rektorat zu ziehen und dort ihren Unmut über den autoritären Führungsstil der Uni-Leitung kundzutun. Mit Erfolg: Um eine dauerhafte Rektoratsbesetzung abzuwenden, legt sich Rektor Elmar Weiler unter anderem darauf fest, 27 Anzeigen gegen Studierende, die nach der ersten Audimax-Besetzung im laufenden Semester wegen angeblichen Hausfriedensbruchs angeschuldigt worden waren, zurückzuziehen.


„Ohne Bildung kann es weder ein demokratisches Miteinander, noch eine sich weiterentwickelnde Gesellschaft geben“, heißt es in der Präambel der vergangenen Mittwoch mit großer Mehrheit verabschiedeten VV-Resolution. Dies scheint auch das Rektorat der Ruhr-Uni so langsam zu begreifen – was Hoffnung gibt, die im Präambeltext angeprangerten „feudalen Herrschaftsstrukturen“, welche sich nicht zuletzt in der mangelnden studentischen Mitbestimmung an der RUB manifestieren, allmählich aufzuweichen. So rückte Rektor Weiler erstmals von seinem bislang betont autoritären Führungsstil ab und gab sich unerwartet kompromissbereit, als ihn der AStA-Vorsitzende Karsten Finke im Namen der zahlreichen Spontandemonstrant_innen aufforderte, die Anzeigen gegen jene Studierenden, die am 24. November frühmorgens ohne polizeiliche Vorwarnung aus dem Audimax geräumt worden waren, zurückzunehmen. Auch sei zumindest bis zu einer dort am Donnerstag stattfindenden Podiumsdiskussion, wo die Universitätsleitung laut Weiler endlich in einen „konstruktiven Dialog“ über die inhaltlichen studentischen Forderungen eintreten will, nicht an eine weitere Räumung des größten Hörsaals gedacht.

Studis nicht länger hinhalten


„Wir freuen uns, dass es nun einen Dialog mit dem Rektorat geben soll und die Polizei nicht länger als geeignetes Mittel zur Verdrängung bildungspolitischer Probleme angesehen wird“, sagt Stefanie Beyer vom Streikplenum. „Die Studierenden beobachten dabei aber genau, ob es sich nicht nur um eine Hinhaltetaktik handelt. Denn unsere Forderungen sind notwendige Bedingung für eine grundlegende Verbesserung der Bildungslandschaft nicht nur in Bochum“, so Stefanie Beyer weiter. Bevor der Rektor seine Dialogbereitschaft signalisierte, hatte er über eine Stunde lang auf sich warten lassen, während die Studierenden das Rektorat besetzten und nur Kanzler Gerhard Möller als Ansprechpartner zur Verfügung stand.

Uni-Leitung verschanzt sich

Wie ernst es der Uni-Leitung mit ihrer ‚neuen Konstruktivität’ ist, scheint allerdings mehr als unsicher. Dies untermauert ihr Verhalten am Freitagmittag, als sämtliche Gebäudeeingänge der Universitätsverwaltung abgesperrt wurden, während sich NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) an der Ruhr-Uni aufhielt, um an einer Pressekonferenz zum neuen Proteinforschungszentrum teilzunehmen. Da sich die Universitätsleitung hinter verschlossenen Türen verschanzte, war es Studierenden fast zwei Stunden lang nicht möglich, die Serviceleistungen im Foyer der Univerwaltung in Anspruch zu nehmen.

Keine Uni ohne uns

Neben der Abschaffung der Studiengebühren, einem Ende der Ökonomisierung des Uni-Betriebs und größerer Fächervielfalt werden in der VV-Resolution mehr informationelle Selbstbestimmung, ein Ende der Zugangsbeschränkungen durch (lokale) NCs sowie eine Erhöhung der Lehrkapazitäten eingefordert, um Veranstaltungen in „angemessenen Gruppengrößen“ zu ermöglichen. Zudem wird das RUB-Rektorat aufgefordert, „weitere Anbiederungen an die nord­rhein-westfälische Landesregierung zu unterlassen“ und stattdessen glaubhaft für die Interessen der Studierenden einzutreten – und endlich aufzuhören, gegen die mit Abstand größte Gruppe der Uni-Angehörigen Hochschulpolitik machen zu wollen.

Da die Missstände im Bildungssystem nicht nur die Studierenden betreffen, wird neben der Teilnahme an der Podiumsdiskussion mit dem Rektorat am 17.12. um 12 Uhr im Audimax-Foyer auch zur gemeinsamen Demo von Schüler_innen und Studierenden am Samstag, den 19. Dezember 2009, um 15 Uhr ab Bochum Hauptbahnhof aufgerufen.

 

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