Nabokovs Opus Magnum im Rottstr 5 Theater
Zurück zu Humberts Trauma
Bild: Birgit Hupfeld
Verbotene Liebe als düsteres Kammerspiel: Yvonne Forster und Jost Grix in Alexander Ritters „Lolita“.Bild: Birgit Hupfeld
Verbotene Liebe als düsteres Kammerspiel: Yvonne Forster und Jost Grix in Alexander Ritters „Lolita“.

Theater. Vladimir Nabokovs berühmter Roman „Lolita“ über eine verbotene, pädophile Liebesbeziehung wurde immer wieder in Film und Popkultur aufgegriffen. An der Rottstr5 verdichtet Alexander Ritter den Skandal-Stoff zu einem düsteren Kammerspiel.

Stanley Kubrick war nicht unschuldig daran, als er die Figur der Lolita in seiner 1962 erschienenen Verfilmung von Nabokovs Skandal-Roman trivialisierte: eine Sonnenbrille in Herzform und einen Lollipop zwischen den Lippen, dazu die lasziven Blicke, die der Regisseur 

Lolita-Darstellerin Sue Lyon in knapper Bekleidung in die Kamera richten ließ. So inszenierte Kubrick die Lolita-Figur. Geschliffen war das Bild des sexuell-frühreifen und verführerischen Mädchens, bis hin zur Figur der sogenannten „Lolicon“.

Wo also anfangen in einer Bühnenadaption eines Romans, der unter diesem Dickicht filmischer und popkultureller Referenzen vergraben scheint? An der Rottstr5 haben sie sich in den letzten Jahren als SpezialistInnen von Stoffen des belletristischen Kanons erwiesen. Und das Rezept, mit dem etwa Regisseur Hans Dreher zuletzt Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ oder Thomas Manns „Der Tod in Venedig“  auf die Bühne brachte, geht auch in Alexander Ritters (Regie unter anderem bei „Fight Club“ an der Rottstr5) Inszenierung von „Lolita“ auf: Vladimir Nabokovs vielschichtige wie umstrittene Vorlage wird auf ein 90-minütiges Kammerspiel skelettiert. Es bleiben die Schlüsseldialoge und die wesentliche Handlung: Der Literaturdozent Humbert kann seit dem Tod seiner damaligen Jugendgeliebten nicht seine Zuneigung zu Mädchen des gleichen Typus’ unterdrücken. Auf einer Durchreise trifft er auf die 12-jährige Lolita. Vordergründig heiratet er ihre Mutter. Nachdem Humbert diese ermordet hat, brennt er mit Lolita, gespielt von Yvonne Forster, durch. 

Düstere Auslotung einer kaputten Seele

Die Variationen der Lolita-Figur werden nur kurz an die Wand projiziert. Genauso wie die nächtlichen Städte und Straßen, die im Road Novel durchstreift werden. Jost Grix gibt einen Humbert, der verkrampft an der Bettkante kauert, als Kontrollfanatiker explodiert oder wieder in die Rolle des zynisch-distanzierten Ich-Erzählers schlüpft, aus der bekanntlich auch Nabokovs Vorlage geschildert wird.

Der Rest spielt sich in den Dialog-Szenen in den Motels ab, deren Interieurs das Bühnenbild karg illustrieren: ein Ehebett, ein kleiner Tisch, ein Kühlschrank, ein Vorhang. Abgesehen von Lolitas Mutter (in deren Rolle Yvonne Forster mit Marlene-Dietrich-Perücke wechselt) finden die Nebenfiguren und die Außenwelt nur noch in den Wortwechseln der beiden Hauptfiguren Erwähnung. Oder in dem grellen Licht, das durch den Vorhang blinkt. 

Drinnen regiert Humberts Trauma: Yvonne Forsters Lolita streift sich zu den Klängen einer pop-polierten „Mr. Sandman“-Version die Kleidung von Humberts verstorbenen Jugendgeliebten über. Den nächsten Popsong – „Lost Boy“ von Ruth B. –  haucht sie selbst ins Mikro: Verse, die das Peter-Pan-Motiv des Widerstands an die Adoleszenz aufgreifen und Humberts Trauma wie Perversion kommentieren. Denn diese werden in Ritters Inszenierung verdichtet: eine düstere Auslotung einer kaputten Seele. 

Die nächsten Vorstellungen von „Lolita“ an der Rottstr5 sind am 4. und 24. Februar. 

     :Benjamin Trilling