Der Lokaljournalismus ist Opfer der großen Verlage
Zerschlagt die Medienhäuser, rettet die Lokalen
Bild: NatiSythen CC BY-SA 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
Einheitsbrei: Die FUNKE-Mediengruppe bietet viele Titel, aber kaum Meinungspluralismus. Eine Problem vieler Lokalzeitungen unter der Leitung eines großen Verlags. Bild: NatiSythen CC BY-SA 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
Einheitsbrei: Die FUNKE-Mediengruppe bietet viele Titel, aber kaum Meinungspluralismus. Eine Problem vieler Lokalzeitungen unter der Leitung eines großen Verlags.

Kommentar. Ein Ruck ging durch den lokalen Medienmarkt, als der Traditionsverlag DuMont in den vergangenen Tagen mitteilte, dass man sich von der Lokalzeitungssparte trennen werde. Das Problem sitzt in den Medienhäusern, die den Lokaljournalismus in die Krise manövrieren.

Das Wunderbare am Internet ist, dass jede*r auf alle gewünschten oder nicht gewünschten Informationen zugreifen kann. Früher brauchte es für konträre Meinungen eine gewisse Medien- und Meinungsvielfalt in gedruckter Form. Man musste sich zwischen „Westfalenpost“ und „Westfälischer Rundschau“ entscheiden. Oder man las die „WAZ“. Vielleicht sogar alles drei. Heute liest man auch alles drei. Aber unbeabsichtigt, denn durch Artikeltausch oder gemeinsame Produktion sind oftmals nicht nur die Zeitungen der FUNKE-Mediengruppe in großen Teilen inhaltsgleich. Besonders schlimm traf es die „Ruhr Nachrichten“. Man wird nicht nur, trotz eigenem Medienhaus, von FUNKE vermarktet, große Teile des Contents liefert das RedaktionsNetzwerk Deutschland, eine Mantelredaktion der Madsack Mediengruppe, einem weiteren deutschlandweiten Player des Lokaljournalismus. Dass man in weiten Teilen von NRW, Niedersachsen, Nord- und Ostdeutschlands kaum journalistischen Meinungspluralismus findet, liegt auch daran, dass einige wenige Journalist*innen in Berlin und Hannover sitzen, um 40 Zeitungen mit Einheitsbrei zu versorgen. Nun will jedoch mit DuMont einer dieser Medienkonzentratoren nicht mehr auf dem weitläufigen, aber eintönigen Markt des Lokaljournalismus mitspielen. Die Zukunft gar großer Lokalzeitungen wie der „Berliner Morgenpost“ oder dem „Kölner Stadtanzeiger“ sind ungewiss. Wahrscheinlich werden sie von einem anderen großen Medienhaus aufgekauft. Madsack streckt seine Fühler seit Jahrzehnten in alle Richtungen aus, eigene Publikationen in NRW gibt es bisher nicht, Interesse könnte in der Hannover‘schen Konzernzentrale bestehen. Bereits beim Redaktionsnetzwerk Deutschland wurde gemeinsame Sache zwischen den beiden Medienhäusern gemacht. Ob DuMont die 25 Prozent der Contentschmiede behält, steht derzeit nicht fest.

Welche Zukunft

„Zeit Online“ warnt in einem Beitrag aus der vergangenen Woche vor Gefahren für die Demokratie. Die Journalist*innen befürchtet, dass fehlender Lokaljournalismus das Interesse an der örtlichen Politik schwächen würde. Ein berechtigter Einwand – wenn es denn noch Meinungsvielfalt geben würde. Im FUNKE-Kernland Westfalen, besonders im Ruhrgebiet, ist diese Gefahr gering einzuschätzen, denn weder von der „WAZ“, noch von ihren Klonen, teils ohne eigene Redaktion, geht eine tatsächliche Abwechslung aus. Da hilft es auch nicht, wenn FUNKE eine Medienoffensive bis 2022 anstrebt, die Thüringen zum Versuchslabor für die Abschaffung des Print-Markts erklärt. Gewiss ist Online-Journalismus wichtig für plurale Meinungen und es ist gut, wenn er von Profis gemacht wird. Das funktioniert beispielsweise in Dortmund gut, neben den „Nordstadtbloggern“ kann sich der Blog „Ruhrbarone“ des Journalisten Stefan Laurin einiger Beliebtheit erfreuen. Doch das kann nicht reichen. Guter Lokaljournalismus lebt von Meinungsvielfalt in gedruckter Form, nicht von ewig gleichen Inhalten hinter Paywalls. Wer ihn retten will, muss die Medienkonzerne zerschlagen, denn Zukunft hat der lokale Medienmarkt nur unabhängig. Notfalls muss er öffentlich finanziert werden.

:Justinian L. Mantoan