Das traurige Ergebnis einer Studie
Wie Vernachlässigung im Kindesalter die Gehirnentwicklung beeinflusst
Bild: Leda
Erfahrungen im Kindesalter sind prägend: So haben Mangel and Fürsorge und Stimulation sogar Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns. 		    Symbolbild: leda
Erfahrungen im Kindesalter sind prägend: So haben Mangel and Fürsorge und Stimulation sogar Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns.

Forschung. Am Beispiel von rumänischen Kinderheimen zeigen Forscher*innen, dass Vernachlässigung im Kindesalter konkrete Auswirkungen auf die Gehirngröße im Erwachsenenalter hat.

Anfang Januar 2020 veröffentlichte ein internationales Forscher*innenteam – unter Federführung des King College London – einen Bericht in der Zeitschrift ,,Proceedings of the National Academy of Sciences‘‘ (PNAS); ,,Early childhood deprivation is associated with alterations in adult brain structure despite subsequent environmental enrichment‘‘ heißt es hier im Titel. Etwas einfacher ausgedrückt, befasst sich die Forschung damit, inwieweit Vernachlässigung im Kindesalter die Gehirnentwicklung sowie die Gehirngröße im Erwachsenenalter beeinflussen kann. Dies wurde konkret am Beispiel von Vernachlässigung in rumänischen Kinderheimen untersucht.
Das schockierende Ergebnis: Je länger der Zeitraum war, den jemand als Kind in einem rumänischen Kinderheim unter großer Vernachlässigung verbracht hat, desto geringer fällt die Gehirngröße als Erwachsene*r aus. Prof. Dr. Robert Kumsta, Leiter des Lehrstuhls für Genetische Psychologie der Ruhr-Universität Bochum und Teil des Forscher*innenteams erklärt: ,,Die Befunde zeigen, dass extrem ungünstige Lebensbedingungen in der frühen Kindheit, charakterisiert durch Mangel an Fürsorge und Mangel an Stimulation, sich langfristig auf die Entwicklung von Kindern auswirken. Neben psychologischen Auffälligkeiten konnten wir auch Veränderungen im Wachstum des Gehirns beobachten, die zum Teil den verminderten IQ und die ADHS Symptome bei den spät adoptierten Kindern erklären.‘‘
Die Studie wurde zu Beginn der 1990er gestartet.  Insgesamt wurden 67 Rumän*innen untersucht, die nun zwischen 23 und 28 Jahre alt sind. Dies geschah also über einen längeren Zeitraum hinweg an verschiedenen Zeitpunkten: im Alter von vier, sechs, elf und fünfzehn Jahren sowie jetzt mit Mitte zwanzig. Sie alle haben ihre frühe Kindheit in rumänischen Kinderheimen verbracht und wurden später nach England adoptiert. ,,Es zeigten sich schon früh bestimmte, mit der Deprivation assoziierte psychische Auffälligkeiten wie Autismussymptome, Störung des Sozialverhaltens, ADHD Symptome und verminderte kognitive Leistungsfähigkeit,‘‘ erklärt Prof. Kumsta. Durchschnittlich seien die Gehirne der rumänischen adoptierten Kinder etwa 8,6 Prozent kleiner als die der Kontrollgruppe.
Hierbei spielt besonders der Zeitraum, den die Kinder in den Heimen verbrachten, eine Rolle. Sie kamen im frühen Kindesalter in die Heime, als sie erst ein paar Wochen alt waren, blieben jedoch zwischen drei und 41 Monate dort – eine große Varianz, die Folgen hat. So Prof. Kumsta: ,,Das war besonders ausgeprägt bei den Kindern, die länger als 6 Monate im Heim waren. Bei den früh adoptierten zeigten sich kaum langfristige Folgen, diese Gruppe konnte alle Defizite aufholen und entwickelt sich größtenteils normal.‘‘

Es gab bereits zuvor einige Forschungsarbeiten, die verdeutlichten, dass ungünstige frühe Lebenserfahrungen die Gehirnentwicklung beeinflussen. ,,Auch wir haben vermutet, dass Gehirngröße und Gehirnfunktion durch die Heimerfahrung beeinflusst wurden. Das erstaunliche ist, dass man diese Veränderungen immer noch so deutlich sieht, obwohl die Kinder 20 Jahre in guten Verhältnissen gelebt haben‘‘, bemerkt Kumsta.

  :Charleena Schweda