Studentenverbindungen bei der BlauPause: Demokratisch dulden oder boykottieren?
Wer hat Angst vorm bösen Bursch?
Karikatur: ck
Duell der Ansichten. Karikatur: ck
Duell der Ansichten

Burschis bei der Blaupause! „Man sollte mit härteren Bandagen dagegen vorgehen und damit drohen, die Blaupause zu boykottieren, wenn Burschenschaften Stände bekommen.“ So wird die Grüne Hochschulgruppe im Protokoll der StuPa-Sitzung vom 26. März zitiert. Nun haben trotzdem drei „Burschenschaften“, wie Studentenverbindungen oft fälschlicherweise zusammenfassend genannt werden, ihre Stände bei der BlauPause und „es gibt keine rechtliche Handhabe, sie der Veranstaltung zu verweisen“, wie AStA-Vorsitzender David Schmidt (NAWI) erklärt. „Wenigstens“ habe man erreichen können, dass die Landsmannschaft Ubia Brunsviga Paleomachia, die Prager Burschenschaft Arminia und das Corps Neoborussia-Berlin zu Bochum ihre Stände alle gesammelt in der Nähe der Polizei und der Veranstaltungsaufsicht haben. „Wenn die nur einen Krümel gegen die Regeln verstoßen, werden sie direkt rausgeschmissen“, sagt Daniel Greger (GEWI) vom AStA-Vorstand.

Die Diskussion

Die Kritik an Burschenschaften und anderen Verbindungen kommt von vielen Seiten auf verschiedenen Kanälen: Die GHG im Studierendenparlament, der Fachschaftsrat Mathematik bei der FSVK, die Linke Liste mit einer Flugblattaktion. Madita Adolphs hat für den FSR Mathe die Burschen-Blaupausen-Thematik in der FSVK angesprochen; für ihre Liste KLIB spricht sie sich entschieden gegen eine Präsenz dieser Organisationen am 6. Juni aus: „Solchen Menschen sollte auf einem geschützten Raum wie der BlauPause keine Bühne geboten werden.“ Die Hauptvorwürfe gegen die Korporationen sind: Diese „fremdenfeindlichen“ und „sexistischen“ Organsiationen „grenzen Personengruppen aus nicht nachvollziehbaren Gründen aus“. Ausschlaggebender Grund aber ist, dass sie „inhaltslos Leute ködern“, ihnen billigen Wohnraum und einen Hauch von Elitarität anbieten, doch wenn „die jungen Leute drin sind, werden sie in dieses Denken eingeführt. Sind sie einmal gecatcht, haben sie Probleme, da wieder rauszukommen.“ Härter drückt sich die Linke Liste auf einem Flugblatt aus: Die Geschichte der Korporationen sei insgesamt „reaktionär-antidemokratisch bis zutiefst braun.“ Jedoch räumt die LiLi ein: „Nicht alle Verbindungen sind rechtsextrem“, was die Liste nicht daran hindert, pauschal alle zu verurteilen.

AStA-Vorstandsmitglied Daniel Greger von der GEWI zeigt sich weniger kämpferisch, aber nicht weniger deutlich: „Solange sie sich innerhalb der demokratischen Spielregeln bewegen, muss man damit leben.“ Und er fügt hinzu: „Aber ihre Werte lehnen wir ab.“

So viel Ablehnung gegen diese Vereine. Was ist dran an den ganzen Vorurteilen? Es wird Zeit, sich selbst ein Urteil zu bilden. :bsz-Redakteur Marek ruft bei einer Landsmannschaft an und fragt nach einem Gespräch. Das könne man doch auf der morgigen Cocktailparty „auf dem Haus“ führen, sagt sein Gesprächspartner. Marek wagt sich in die Höhle der Löwen

:bsz in Burschigefahr

Sollte ich sagen, dass ich lieber später am Abend komme, um mitzuerleben, wie sich diese Chauvis mit Pöbel- und Frauengeschichten zu übertrumpfen versuchen, während sie sich selbst kaum auf dem Hocker zu halten vermögen? Das erzählt man sich doch über diese Leute. Ich entschied mich dann doch für den Beginn der Party, 20 Uhr. Da kann man zum einen besser reden und zum anderen war ich auf den Geburtstag einer Freundin am selben Abend eingeladen. Franzstraße 14, fast direkt am Nordring, unweit von der U35-Haltestelle Rathaus. Beste Lage also. Mit tollen Wohnmöglichkeiten ködern sie ja die unbedarften und naiven Erstis. E

Ein schwarz-weiß-blaues Banner ziert auffällig das Haus in der Nebenstraße mitten in der Bochumer Innenstadt, darunter ein Wappen. Hat was von Schützenfest, denke ich mir und zücke meine Handykamera. Eigentlich müsste ein „Convent“, eine Versammlung der Mitglieder, über Pressebesuch entscheiden. „Das kann ziemlich ins Auge gehen“, erklärte der junge Mann am Telefon. Darum hatte ich versprochen, keinen Fotoapparat mitzunehmen. Und so ein Handyfoto, das ist für privat. Schließlich ist das Haus auch bei Google Street View zu sehen. Entweder sie haben nichts zu verbergen oder sie sind ziemlich selbstsicher, überlege ich, als mir jemand zuruft: „Entschuldigung! Warum machen Sie Fotos?“

Geben die an oder sind die offen?

Ein junger Mann Anfang zwanzig, eine gleich alte Frau an seiner Seite. „Weil ich dieses Haus gerade das erste Mal betreten werde.“ „Oh, was für ein Fettnäpfchen! Das tut mir leid“, entschuldigt er sich sofort. „Manchmal kommen hier nur halt eben Leute aus anderen Gründen vorbei und na ja ...“, versucht er sich zu erklären, und es ist klar, worauf er hinaus will. Wohl doch keine kollektiv dicken Eier. Stattdessen Offenheit. Buchstäblich. In der geöffneten Tür steht Christopher, der mich begrüßt. Er habe mich mal auftreten sehen, erklärt er, stellt sich selbst vor und bietet mir einen Cocktail auf seine Kosten an. Während er mich an die Theke führt, hadert der andere „Bursch“ (so heißt es, wie ich lernen sollte) noch mit seinem Fettnäpfchen.

Die fünf, sechs anwesenden Schärpe tragenden jungen Männer und die Dame (ohne Schärpe) begrüßen mich mit Händeschütteln und nennen mir ihre Vornamen, die ich mir zu merken versuche. Sie sind freundlich, höflich, aber nicht steif oder gar ablehnend. Nur das Vorurteil mit den Polohemden bestätigt sich in nicht unsignifikanter Zahl.

Ich beginne das Gespräch mit den Vorurteilen – und Feindseligkeiten – von außen. „Wirklich offensiv feindlich werden wir nur selten angegangen“, sagt der Maschinenbaustudent. „Ein Mal hat man uns die Fenster hier eingeschlagen.“

Der Kneipsaal – nix mit Kur, aber mit viel Flüssigem

Wir befinden uns in einem Raum wie in einer urigen Kneipe, die „gutbürgerliche, deutsche Küche“ anbietet. Holzvertäfelungen, dicke Holzmöbel, robuster Fußboden. In einer Ecke eine Theke, in der gegenüberliegenden eine Art Regenschirmständer, nur mit Standarten und Fahnen statt Schirmen. Banner hängen auch in Vitrinen neben der Tür. Handgestickte Stücke, die über hundert Jahre alt sind und „über tausend Euro kosten“, erklärt man mir. Sie zeigen die Wappen der Vorläuferverbindungen. Es ist nicht das übliche Studierendenambiente. Hier ist nichts hip, nicht einmal modern. „Der Tradition verpflichtet“ – das habe ich auf irgendeiner Verbindungswebseite im Vorfeld gelesen. Jetzt ahne ich, was damit gemeint ist. Tradition und Deutschtümelei liegen nah beieinander, raunt mir der linke Flügel meines politischen Bewusstseins zu. Ich suche schwarz-weiß-rote Motive, Frakturschriften, Eisenkreuze, Waffen, Karten von Ostpreußen. Fehlanzeige. Man ist der Tradition verpflichtet. Der eigenen – Die anscheinend nichts mit großdeutschen Phantasien zu tun hat. Manuel, der inzwischen zu uns gestoßen ist, fasst es zusammen: „Wir sind ganz normale Studenten. Wir haben nur so ein paar Schrullen.“

Manuel kenne ich noch aus dem Fachschaftsrat. So langsam dämmert es mir, dass er mir einst von der Landsmannschaft erzählt hat. Ich war damals wohl betrunken … „Wie ist es denn bei euch mit dem Saufen? Da hört man ja so Geschichten …“ „Wir trinken nicht mehr als andere Studenten“, antwortet Manuel. Und mit einem kurzen Blick auf die Alten Herren hinten im Raum ergänzt er laut lachend: „Nur dass wir auch nach dem Studium nicht damit aufhören!“ Nichtsdestotrotz: Ein Vomitorium oder auch einen „Papst“ gibt es auf der Männertoilette. Ein waschechtes Kotzbecken.

Einmal Bursch, immer Bursch! Klingt nach Sekte?

Burschen, die ihr Studium abgeschlossen haben, nennt man alte Herren. „Eine starke Gemeinschaft überdauert den Test der Zeit“, schreibt die ***L!UBP*** auf ihrer Internetseite. Einmal Bursch, immer Bursch. Die etwa 150 Alten Herren der Verbindung finanzieren mit ihren monatlichen Mitgliedsbeiträgen unter anderem das vierstöckige Haus. „Kennen statt Können“ wirft die LiLi den Verbindungen vor. Da würden Praktikums- und Arbeitsplätze untereinander zugeschachert. „Das ist Quatsch“, sind sich Manuel und Christopher einig. Natürlich knüpfe man Kontakte zur Arbeitswelt, das schade schließlich nie. „Was soll denn daran schlimm sein? Jeder Student bemüht sich drum.“ Von Seilschaften könne aber nicht die Rede sein.

Wie ist es denn mit dem Austreten aus der „lebenslangen Gemeinschaft“? „Überhaupt kein Problem. Man kann einfach nicht mehr kommen. Aber die meisten erscheinen noch zu einem letzten Treffen und verabschieden sich.“ Ein Bekannter von mir ist vor einem halben Jahr ausgestiegen – dass er je Mitglied war, hatte er nie erwähnt. „Keine Zeit, kein Bock.“ Hat es Probleme gegeben? „Nö.“ Man habe sich kameradschaftlich getrennt. Einen ehemaligen Burschenschafter von der Prager Arminia habe ich wenige Tage zuvor auch gefragt, weshalb er ausgestiegen sei. „Zu viel Vereinsmeierei, zu wenig Zusammenhalt zwischen Altherrenschaft und Aktivitas sowie innerhalb der Aktivitas“, war seine Begründung. Auch hier war von sektenhaftem Stalking und Psychoterror nicht die Rede.

Ist das noch Sexismus?

Mittlerweile hat sich der Raum etwas gefüllt. Mehr als ein Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts sitzt und steht in der Eiche-rustikal-Umgebung. „Wie ist denn das jetzt mit den Frauen?“ „Die meisten von uns haben eine Freundin, die sie regelmäßig sehen und auch mitbringen“, klärt mich Christopher auf. Nur bei wenigen Veranstaltungen seien Frauen nicht zugelassen. Die seien eben für Mitglieder. Während Manuel mich durch das Haus führt, komme ich wieder auf das Thema zu sprechen. „Der Convent“ (der Coburger Convent ist die Dachorganisation der Landsmannschaften) führt der Germanistikstudent aus „begründet die Nichtaufnahme damit, dass Romanzen innerhalb der Gemeinschaft dem Klima abträglich seien.“ Aha! Also seid ihr schwulenfeindlich! „Nee“, schüttelt Manuel den Kopf, „einige unserer alten Herren sind offen schwul. Damit hat hier niemand ein Problem.“ Christopher pflichtet ihm bei. „Letztlich ist der Grund, dass Frauen nicht zugelassen sind …“ Manuel kratzt sich am Kopf. „Weil es nun mal so ist.“ Der Tradition verpflichtet …

Es gibt auch Frauen- und gemischte Verbindungen. Die nächste Frauenverbindung ist in Münster. „Auch bei uns wird immer wieder diskutiert, ob man da mit der Zeit gehen und sich öffnen könnte“, erfahre ich.

Wo sind die Nazis?

Während Manuel mir weiter das Haus zeigt, den Hof, den Trainingsraum, wo das akademische Fechten geübt („gepaukt“) wird und ich die Waffen und Ausrüstung aus der Nähe ansehen und anfassen darf, den Kühlraum („Wir verbrauchen hier so viel Bier wie eine mittlere Kneipe“), und sogar die Zimmer, frage ich mich: Wo sind die Nazis?

Einer der ersten Sätze, die Christopher an diesem Abend an mich richtete, war: „Wir haben hier das Toleranzprinzip.“ Im Internet steht: „Wir haben als Gruppe keine politische (oder konfessionelle) Ausrichtung. Dafür sind wir auch zu Multi-Kulti. Jedem Einzelnen bleibt es aber selbst überlassen, auf welche – gemäßigte – politische Richtung er steht: Daher ist bei uns von schwarz und gelb bis rot und grün alles dabei.“ 60 Prozent der Verbindung, die sich gerne als "Campus-Verbindung" bezeichnet, hätten Migrationshintergrund, erklärt Christopher, der an der TFH in der Studierendenvertretung tätig war.

„Klar gibt es auch Verbindungen, die rechts sind“, wirft Manuel wieder ein. „Aber die finden wir dann auch Scheiße. Wie jeder andere auch.“

Ich: „Und warum distanziert ihr euch nicht irgendwie öffentlich von Nazis?“ Christopher: „Warum? Wir wissen doch, dass wir nicht rechts sind.“ Manuel: „Ich war sogar damals bei der FUB dabei.“ FUB, das war die Freie Uni Bochum, das besetzte heutige Q-West, in dem wochenlang gegen Studiengebühren und verschulte Unis demonstriert wurde, bevor auf Anordnung des Rektorats der RUB das Gebäude von der Polizei geräumt wurde. „Ein Mal hat mir jemand vom Protestplenum einen Anti-Burschi-Flyer in die Hand gedrückt. Die haben doof geguckt, als ich ihnen erklärte, wer ich bin.“

Der Alltag eines Burschen: Vandalismus und Gewalt

Immer wieder betonen die Burschen, dass ihre Organisation unpolitisch sei. Jede Weltsicht sei willkommen, außer den extremistischen. Ihr Bekenntnis gelte der Demokratie. Wenn sie das Vaterland beschwören und dafür einstehen wollen, so bedienten sie sich bloß einer Wortwahl aus den Gründungstagen, gemeint sei das Wohlergehen der Gesellschaft. Der Tradition verpflichtet. Und damit ins Abseits gedrängt. Als ich mich am nächsten Tag noch einmal melde, um vielleicht Fotos zu bekommen, erzählt mir Christopher, dass sein Auto verschandelt worden wäre. „Burschi“, mit Zahnpasta auf der Frontscheibe. „Das HH auf dem Nummernschild steht für Hansestadt Hamburg, der Heimat meiner Eltern.“ Fotos gab es trotzdem keine für mich. Dafür für die Fenster des Verbindungshauses am Sonntag weitere Steine.

 

Infobox

Bochumer Studentenverbindungen

Katholische Studentenverbindungen
K.D.St.V. Saxo-Thuringia*
A.V. Silesia
K.St.V. Rheno-Merovingia

Burschenschaft
Burschenschaft Prager Arminia

Corps
Corps Neo-Borussia*

Landsmannschaft
Landsmannschaft Ubia Brunsviga Paleomachia*

Jagdverbindung
AJV Hubertia Ruhr zu Bochum

Verein Deutscher Studenten
VDSt Breslau-Bochum

*Bei der Blaupause dabei

:Marek Firlej

 

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