Neue Erkenntnisse in der Gehirnforschung
Weniger Vernetzung im Hirn ist besser
Bild: 1. Haier RJ, Siegel BV, Nuechterlein KH, Hazlett E, Wu JC, Paek J, Browning HL, Buchsbaum MS (1988) Cortical Glucose Metabolic-Rate Correlates of Abstract Reasoning and Attention Studied with Positron Emission Tomography. Intelligence 12:199-217.
Gehirnaktivitäten: Weniger schlaue Gehirne sind aktiver bei Denkaufgaben.	                 Bild: 1. Haier RJ, Siegel BV, Nuechterlein KH, Hazlett E, Wu JC, Paek J, Browning HL, Buchsbaum MS (1988) Cortical Glucose Metabolic-Rate Correlates of Abstract Reasoning and Attention Studied with Positron Emission Tomography. Intelligence 12:199-217.
Gehirnaktivitäten: Weniger schlaue Gehirne sind aktiver bei Denkaufgaben.

Forschung. Intelligente Gehirne sind weniger vernetzt. Eine Erkenntnis, die eine RUB-Forschung zu Tage brachte. So lässt sich ein Paradoxon der Intelligenzforschung auflösen.

Intelligente Menschen haben größere Gehirne. Diese Erkenntnis ist schon 100 Jahre alt. Dass intelligente Gehirne beim Lösen von Denkaufgaben weniger aktiv sind, ist auch schon lange bekannt. Diese Beobachtungen galten bisher als widersprüchlich. Wieso wird die Größe des Gehirns und die verfügbare Anzahl an Neuronen (Gehirnzellen) beim Lösen von Aufgaben nicht genutzt? Dr. Erhan Genc vom Lehrstuhl für Biopsychologie der RUB hat sich in seiner Forschung mit der Vernetzung der Gehirnzellen untereinander beschäftigt und konnte so den vermeintlichen Widerspruch in der Intelligenzforschung auflösen. 

Effizientere Zusammenarbeit

Rund 260 Personen wurden mittels Neurite Orientation Dispersion and Diversity Imaging untersucht. Diese Methode ermöglicht es, die Anzahl an Dendriten (Zellfortsätze im Gehirn) in der Großhirnrinde zu messen. „Dendriten sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen“, erklärt Erhan Genc. Außerdem absolvierten die ProbandInnen einen Intelligenztest. Die jeweils erhobenen Daten zeigten, dass intelligente Menschen weniger vernetzte Neuronen in der Großhirnrinde haben. „Die bisher widersprüchlichen Beobachtungen lassen sich nun erklären“, sagt Genc. „Die Gehirne von intelligenteren Menschen sind besser, also effizienter vernetzt.“ 

„Man kann sich das wie folgt vorstellen“, erklärt Genc, „wenn intelligente Menschen eine mittelschwere Aufgabe lösen sollen, sind im Gehirn nur die Areale aktiv, die für die Problemlösung gebraucht werden.“ Bei weniger intelligenten Personen sei das anders. „Durch die starke Vernetzung der Gehirnzellen untereinander tritt so etwas wie ein Hintergrundrauschen auf. Es werden Zellen miteinbezogen und aktiviert, die für die Aufgabe nicht relevant sind.“ Bei der Lösung von schwierigen Aufgaben werden bei intelligenten Personen mehr Areale einbezogen, die Aktivität steige also. Bei weniger intelligenten Personen ende der Versuch eine schwierige Aufgabe zu lösen im Chaos.

Er erklärt, dass „intelligente Menschen einen Doppelvorteil“ hätten. „Sie haben größere Gehirne, das heißt mehr Neuronen also mehr ‚Rechenleistung‘ und sind besser miteinander vernetzt und tauschen sich schneller aus.“

Aussagekraft IQ-Tests?

Eine Frage, die häufig im Zuge der Intelligenzforschung auftritt, ist, wie aussagekräftig IQ -Tests eigentlich sind und inwieweit sich Intelligenz im Laufe eines Lebens noch ändert. IQ-Tests haben eine sehr geringe Fehlerrate von 5 bis 7 Prozent. Sie sind der am besten erforschte Bereich in der Psychologie. Um beispielsweise dem Störfaktor Nervosität oder Prüfungsangst entgegenzuwirken, gibt es zu Beginn Probeaufgaben, die vor dem eigentlichen Test absolviert werden. 

Dennoch sei Intelligenz ein wichtiger Aspekt in unserem Leben, vorallem im Bereich Beruf. Intelligentere Menschen seien beruflich erfolgreicher, sagt Genc. „Das heißt aber nicht, dass sie bessere Menschen sind. Intelligenz ist lediglich der beste Prädiktor neben Persönlichkeit, Gewissenhaftigkeit und (Berufs-)Erfahrung. Aber: Intelligenz ist nicht alles“, erklärt er.

 

:Kendra Smielowski