Anke Domscheit-Berg zeigt den gravierenden Mangel an Geschlechtergerechtigkeit auf
Warum wir Feminismus brauchen
Buchcover

Frauen und Männer sind heute vor dem Gesetz gleich. Hat der Feminismus seinen historischen Zweck damit erfüllt? Hat er sich gar längst überlebt, wie häufig zu hören ist? Keineswegs! Denn Frauen sind in unserer Gesellschaft noch immer strukturell benachteiligt. Das neue Buch von Anke Domscheit-Berg macht deutlich, wie weit wir von Geschlechtergerechtigkeit in Wahrheit entfernt sind.

Frauen sind in Deutschland bei Führungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung generell unterrepräsentiert. Darüber hinaus sind Wissenschaft, Medien und Politik insgesamt klar männlich dominiert. Beispielsweise sind die in den Leitmedien befragten ExpertInnen nur zu 14 Prozent weiblich. Der Frauenanteil der ChefredakteurInnen deutscher Medien beträgt gerade mal zwei (!) Prozent. Etwa 26 Prozent der KommunalpolitikerInnen sind weiblich, in den Landkreistagen haben Frauen zehn Prozent der Mandate inne und bei den hauptamtlichen BürgermeisterInnen stellen sie vier Prozent.

Ungerechte Geschlechterverhältnisse

Mit der umfangreichen Aufzählung solcher Fakten beginnt Domscheit-Berg ihren gleichermaßen feministischen wie sachlichen Weckruf „Ein bisschen gleich ist nicht genug!“ Die Unternehmensberaterin und ehemalige Piraten-Politikerin analysiert im Folgenden die vorherrschende Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen – von ungerechter Bezahlung und Posten-Verteilung über problematische Mediendarstellungen bis hin zur sexualisierten Gewalt gegen Frauen.

Besonders interessant ist neben den statistischen Unterschieden die Beleuchtung der Ursachen für eben jene Unterschiede. Dabei werden die allgemein verbreiteten Erklärungen einem kritischen Realitätscheck unterzogen. Zu den so entlarvten Pseudoargumenten gehört auch, dass Frauen für Karrieren im Management die falschen Fächer studieren würden. Denn Männer in entsprechenden Führungspositionen haben sehr häufig Wirtschaft oder Jura studiert – Fächer, die schon seit langem einen hohen Frauenanteil haben.

Das Hauptproblem stellen letztlich die Geschlechterstereotypen in unserer Kultur dar, welche Frauen und Männer nicht nur oft unterschiedlich handeln lassen, sondern auch zu einer unterschiedlichen Bewertung ihres Handelns führen. So sind Frauen im Beruf beispielsweise häufig zu zurückhaltend beim Darstellen ihrer Leistungen und Äußern ihrer Karrierewünsche. Wenn sie das jedoch nicht sind, gelten sie – im Gegensatz zu Männern – rasch als überehrgeizig und wirken unsympathisch. Dieses Messen mit zweierlei Maß zwingt Frauen zu einer ständigen Gratwanderung.

Wege zu mehr Geschlechtergerechtigkeit

Es geht Anke Domscheit-Berg nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Erreichen wirklicher Geschlechtergerechtigkeit. Im längsten Kapitel ihres Buches behandelt sie vielfältige Ansätze, mit denen Frauen, Männer, Medien, Wirtschaft und Politik das komplexe Problem jeweils ein Stückchen weit angehen können. Allerdings bleibt die Autorin mit ihrer Kritik der momentanen Situation wie auch mit ihren Lösungsansätzen in diesem Buch stets innerhalb des spätkapitalistischen Wirtschaftssystems und seiner Arbeitswelt.

Das unterscheidet Domscheit-Bergs neues Werk fundamental von demjenigen der britischen Feministin Laurie Penny, die mit „Unsagbare Dinge“ einen wütenden antikapitalistischen und antibürgerlichen Protest formuliert. Doch stellt Domscheit-Bergs hervorragende Sammlung von Fakten und Argumenten für alle an Geschlechtergerechtigkeit interessierten Menschen eine Bereicherung, ja, sogar eine Pflichtlektüre dar. Auch weiterreichende Gesellschaftskritik kann darauf aufbauen.

:Gastautor Patrick Henkelmann