Journalismus
Vergiss die Zeit

Kommentar. Das bildungsbürgerliche Blatt befeuert mit seinen sensationalistischen Überschriften die ständig selben Debatten.

stem.jpgEs ist stets enttäuschend, wenn Medien ihrer zivilgesellschaftlichen Macht nicht gerecht werden. Der Macht, durch Bilder und Worte Diskurse zu formen und deshalb vorsichtig im Umgang mit diesen zu sein. Insbesondere bei hitzigen Debatten, die von ihrer Natur aus emotional geführt werden, gehört es zu ihrer Pflicht, nicht unnötig zu provozieren. Doch das können nicht alle. Eine der Widerholungstäter*innen ist dabei die Zeit. Man möchte meinen das Medium der gutbürgerlichen Bildungselite wäre sich seiner Position bewusst. Doch erst vergangenen November sprang ein überdimensionierter Schaumkuss auf gelbem Hintergrund in die Gesichter der Leser*innen. Darunter die Überschrift „Wie war nochmal das korrekte Wort?“ und im Lead ein Klagen um eine elitäre Debattenkultur, die zu viele Menschen ausschließe. Ausgeschlossen werden dabei diejenigen, die keine rassistischen Begriffe mehr verwenden dürfen, nicht diejenigen, die durch rassistische Sprache abgewertet werden.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Meinungsfreiheit in der Zeit nicht nur, aber auch am Schaumkuss verteidigt wurde. 2016 titelte es: „Man wird wohl noch Mohrenkopf sagen dürfen!“ 2015 noch „Die Deutschen und das N-Wort“, bei dem bereits im ersten Satz des Artikels das N-Wort als Zitat ausgeschrieben wird. Die Debatte um Rassismus erzürnt sich am Schaumkuss. Das ist auch einfacher als sich mit den Betroffenen auseinanderzusetzen. Wenn man über indirekte Symbole debattiert, fühlt man sich schließlich nicht so schamlos, als wenn man die betroffenen Personen direkt anspricht.

Zwar machen die Artikel von 2015 und 2016 schlussendlich ein wesentlich differenzierteres Argument, als es die Überschriften vermuten lassen, doch die Masche ist erkennbar: Mit Provokation in Bild und Überschrift locken, um die Geister zu erzürnen. Die Taktiken des Boulevard- und Clickbait-Journalismus, gehüllt in einem bildungsbürgerlichen Gewand. Und als Adressat stets der Teil der Gesellschaft, dem bisher immer alles gegeben wurde und der sich nun um die Beherrschung der Debattenkultur fürchtet. Nicht der, der sich herabgesetzt fühlt.

:Stefan Moll

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