Literatur stockt den Coolness-Faktor Bochums auf
Urbane Geschichten neu aufgelegt
Foto: mar
Mit Partyanekdoten zum Doppelsieg: Honke Rambow (l.) schrieb Bochumer urbane Geschichte. Ralph Köhnen (r.) gratuliert. Foto: mar
Mit Partyanekdoten zum Doppelsieg: Honke Rambow (l.) schrieb Bochumer urbane Geschichte. Ralph Köhnen (r.) gratuliert.

Am Sonntag, den 17. März, fand in der Rotunde, dem alten Katholikentagsbahnhof, das Literaturpreis-Finale des Schreibwettbewerbs „Dein Bochum // Urban History Rewritten“ statt. Der Literaturwettbewerb stand unter dem Motto: „Schreib die Stadtgeschichte neu. Erzähl uns alles!“ Die Initiatoren – die Literarische Gesellschaft Bochum, der Friedrich-Bödecker-Kreis NRW e.V. und das Kulturbüro der Stadt Bochum – präsentierten die 24 besten Texte: live gelesen von den AutorInnen.

Jung und alt, Prosa und Lyrik, Ruhrdeutsch und Kunstdeutsch, laut und leise, ernst und witzig – die Hymnen auf Bochum gestalten sich sehr verschieden. JedeR AutorIn betrachtet Bochum aus einem individuellen Blickwinkel, jedeR ist gezeichnet von ganz unterschiedlichen Erinnerungen an dieselbe Stadt und jeder Feder entflohen völlig andere Geschichten und Bilder. „Die Standpunkte in Bochum sollen von subjektiven Blicken geadelt werden“, erkläutert Prof. Dr. Ralph Köhnen, Sprecher der Literarischen Gesellschaft Bochum, in seiner Moderation. Nur eines haben alle Texte gemein: Sie beleuchten die Stadt Bochum nicht von außen, sondern von innen. Sie reden von viel mehr als nur von einer Stadt – aus den Zeilen sprechen nicht nur sachliche Beschreibungen, sondern auch Gefühle. Die AutorInnen skizzieren implizit ihre persönliche, ganz intime Beziehung zu dem „Himmelbett für Tauben“. Das Publikum, das sich zahlreich unter der riesigen Diskokugel und zwischen den alten, braunen Backsteinen versammelte, war gefragt und durfte mitbestimmen – drei der sieben SiegerInnen wurden von den ZuschauerInnen bestimmt. Unter den SiegerInnen befinden sich sowohl ein ehemaliges als auch ein aktives Mitglied der Initiative „Treibgut – Junge Literatur in Bochum“. Die Autorin Julia Sandforth machte mit ihrem Prosa-Text „Glocke“ den dritten Jury-Platz, den sie sich mit Friedhelm Mikolajczak teilt. Der Autor und :bsz-Redakteur Ulrich Schröder erkämpfte sich mit seiner Satire „Und überall sind Kameras“ den zweiten Jury-Preis. Das Publikum bestimmte Alisha Pilenko mit „Integration für Fortgeschrittene“, die Jury Honke Rambow mit „Das Hotel – Viktoriastr. 73“ zu ihren Erstplatzierten. Die Texte sollen „zum Coolness-Faktor der Stadt beitragen“, so der Germanistik-Professor der RUB Ralph Köhnen. Auf der Website der Literarischen Gesellschaft Bochum wird eine Stadtkarte platziert werden, auf der man die abgebildeten Orte und Sehenswürdigkeiten von Bochum anklicken kann und soll. Wenn man zum Beispiel auf die Viktoriastraße 73 klickt, wird der Sieger-Text von Honke Rambow auf dem Bildschirm der Bochum-Interessierten aufflackern.

Juryauserwählte

Bei den von der Jury ausgewählten Gewinnern merkt man, dass es sich bei den Texten um ausgesprochen literarisch hochwertige Werke handelt, die man besser vor sich liegen haben sollte, als dass man sie vorgetragen bekommt. Beim Hören kann man nun mal nicht zwischen den Zeilen lesen. Sie zeichnen sich durch hochgradig bildhafte und metaphorische Sprache als auch durch Intertextualität aus. Julia Sandforths Text erzählt von dem Versteck zweier Freundinnen –  der „Glocke“. Wiedergegeben wird die Geschichte aus einer Ich-Perspektive, um die mögliche subjektive Verbindung von einem Menschen zu einem Ort in den Fokus zu rücken. Die Erzählerin will sich den öffentlichen Ort der Glocke „zueigen machen“. Friedhelm Mikolajczak, der älteste Teilnehmer des Wettbewerbs, schrieb über einen Ort, „wo Lampen Sterne sind“: über Bochums Schächte. „Schicht im Schacht“ portraitiert einen Bergmann, der den Schächten den Rücken kehrt. Der Beitrag des Zweitplatzierten, Ulrich Schröder, „wirft ein bissig-satirisches Schlaglicht auf den städtebaulichen Machbarkeitswahn und die zunehmend unerträgliche Überwachung des urbanen Raumes“, kommentiert der Autor seinen Beitrag. Sein Prosatext überzeugt vor allem durch professionelle Literarizität und formvollendete intertextuelle Bezüge. Der Sieger der Jury ist zugleich auch der Drittplatzierte der Zuschauer. Honke Rambows Protagonist erinnert sich zurück an das Gebäude an der Viktoriastraße 73, das einst ein Hotel war: Durch Spannungsaufbau bis zur letzten Zeile und überraschende Komik werden sowohl Jury als auch Publikum mitgerissen.

Publikumslieblinge

Zweite wurde Sarah-Jane Collins mit ihrem Text „Ruhr im Pott“. Die Autorin fiel besonders dadurch auf, dass sie ihren Schreibstil in Teilen der Sprache des Ruhrgebiets anpasste, was ihr nicht wenige Lacher einspielte. Sarah-Jane Collins bringt es auf den Punkt: „Piss die Wand an – is dat schön“. Alisha Pilenko ist der Publikumsliebling Nummer eins. In ihrer Geschichte wird mit ironischem Unterton eine „Integration für Fortgeschrittene“ geschildert. Der Ort des Geschehens? Ein Afro-Friseursalon. Jene Texte, welche das Publikum auserwählt hat, implizieren im Besonderen einen hohen Unterhaltungsfaktor. Schade nur, dass kein einziger ernster Text unter ihnen war.