Einkommensschwäche bedeutet keinen sozialen Defizit
Tilgt die Formulierung „sozial schwach“ aus den Artikeln!
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Klassenkampf mit Sprache? Arme werden in den Medien oft als „Asis“ abgestempelt. Bild: kac
Klassenkampf mit Sprache? Arme werden in den Medien oft als „Asis“ abgestempelt.

Kommentar. „Reichtum bringt Ansehen“, sagt ein Ovid-Zitat. Für Arme gilt das nicht. In der Berichterstattung über die OECD-Studie werden Geringverdiener*innen durch begriffliche Nebelkerzen diffamiert, obwohl sie sich gerade solidarischer verhalten.

Kaum war die jüngste OECD-Studie veröffentlicht, packten Politiker*innen und Journalist*innen diese unsäglichen Formulierungen aus: „sozial ungünstig“ oder „sozial benachteiligt“ waren da noch die nettesten Bezeichnungen für diejenigen, denen in der Bundesrepublik Bildungschancen verwehrt bleiben. Denn immer wieder folgende Redewendung: „sozial schwache“.
Obwohl die Nationale Armutskonferenz bereits 2013 mahnte, Einkommensschwache nicht mit „sozial schwachen“ gleichzusetzen, hat sich der Begriff in der Politik und den Medien scheinbar etabliert. Er gehört getilgt. Poltisch korrekt ist die Bezeichnung nicht: Arme, Ausgebeutete, Arbeitslose, Geringverdiener*innen – wie man sie auch immer klassifizieren mag, ihnen allen wird mit diesem Unwort suggestiv eine unsoziale Veranlagung, moralische Defizite oder mangelnde Fürsorge zugeschrieben. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern trifft auch faktisch nicht zu.
Darum, Ihr liberalen Schnösel, hört gut zu und verfasst Eure Artikel beim nächsten mal ordentlich! Arm zu sein, bedeutet, sich mit einer Haltung durch eine Ausbeutungsgesellschaft zu winden, ohne die Bedürftigkeit anderer aus dem Blick zu verlieren. Rau und traurig, aber herzlich und solidarisch. Das legte zuletzt eine Studie des Psychologie-Professors Dacher Keltner von der University of California in Berkley nahe. Das Ergebnis: Menschen, die aufgrund gering entlohnter Tätigkeit oder Arbeitslosigkeit wenig Geld in der Tasche haben, sind großzügiger als Wohlhabende.

Wer Not kennt, hilft bei Not

Das Forschungsteam wies zudem auf die Umstände dieser Menschen hin, denn wirtschaftliche Gründe haben sie für ihre Spendenbereitschaft nicht. Miserable Lebensverhältnisse und stressige Beziehungen – ob in Partnerschaften oder familiär – sprechen eher dagegen, Geld abzugeben. Um die Beweggründe zu erklären, hat Keltner in einem sogenannten „Diktatorspiel“ Proband*innen zehn Spielpunkte zur Verfügung gestellt, die später in Geld getauscht und mit einem fiktiven Partner geteilt werden sollten. Diesen gab es natürlich nicht. Die Forscher*innen wollten nur wissen: Wer teilt am ehesten im Sinne eines Gerechtigkeitsgefühls?
Das Ergebnis: Nicht nur relativ in Bezug auf das Einkommen, sondern auch in absoluten Zahlen teilten diejenigen mehr, die sich am unteren Ende der Gesellschaftspyramide verorten. Denn das Gefühl, unten zu stehen, stärkt Menschen in der Haltung, dass man spenden und teilen sollte. Es ist die Ahnung, auf gegenseitige Hilfe angewiesen zu sein. Reiche haben bekanntlich andere Mittel, um sich zu helfen.
Die Psycholog*innen um Keltner führten damit eine kognitive Fähigkeit armer Menschen an: Ihre eigene Lebenswelt und Erfahrung ermöglicht ihnen erst, die prekäre Situation anderer wahrzunehmen. Wer Not kennt, hilft bei Not. Und das Forscher*innen-Team machte auch in dieser Hinsicht eine Gegenprobe mit wohlständigen Proband*innen. Deren Bereitschaft, Geld zu teilen, stieg erst, nachdem ihnen Szenen armer Kinder gezeigt wurden. Das Motiv der Reichen: Mitleid. Wenn das mal nicht sozial schwach ist.

:Benjamin Trilling