Das fühlende Handycase
Tickle-me-Handyhülle – neue Abgründe?
Symbolbild
Beim Treffen mit Freund*innen, bei der Arbeit, auf dem Klo: das Smartphone als „einziger Freund“? Symbolbild
Beim Treffen mit Freund*innen, bei der Arbeit, auf dem Klo: das Smartphone als „einziger Freund“?

Kommentar. Ein französischer Designer entwickelte eine Handyhülle, die kitzelbar ist. Sie reagiert auf physische Reize wie echte Haut. Eine besorgniserregende Entwicklung.

In Zeiten von Alexa, Siri und Menschen, die völlig zusammenhanglos „Ok, Google“ sagen, um mit ihrem Smartphone zu kommunizieren, ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Ein französischer Designer namens Marc Teyssier hat im Zuge des Forschungsprojekt „Skin-On Interfaces“ eine künstliche Haut entwickelt, die fühlen kann. Diese als Handyhülle gedachte Entwicklung ist in der Lage, verschiedene Interaktionen wahrzunehmen und zu unterscheiden. Sie erkennt Kitzeln, Kneifen, Streicheln, Entlanggleiten, Dehnen und Weiteres. Über einen angeschlossenen Mikrocontroller ist die Handyhülle sogar fähig, bestimme Gesten mit Gefühlen zu verknüpfen, wie beispielsweise ein festes, spontanes Drücken mit Wut zu assoziieren oder streichelnde Bewegungen mit Trösten oder Beruhigen. Doch nicht nur eine Handyhülle ist entwickelt worden, auch das Armband einer Smartwatch sowie ein Laptoptouchpad sind aus diesem Material entwickelt worden. Sogar eine Nutzung bei humanoiden Robotern ist nicht ausgeschlossen, um ihnen ein noch realistischeres, noch menschlicheres Auftreten zu geben.
Ein absolut verstörendes Szenario. Nicht nur, dass psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind, Menschen vielfältige Ängste haben, zunehmend einsam werden und Depressionen ebenfalls ein leider häufiges Phänomen sind. Eine neue Studie zeigt, dass Menschen immer einsamer werden. Nicht nur im Alter, auch die jüngere Generation ist häufig betroffen. Tendenz steigend. Die Psychologin Maike Luhmann von der RUB hat sich kürzlich erst in verschiedenen Interviews dazu geäußert. Man muss sich eigentlich nur mal umschauen. Menschen stehen nebeneinander an der U35-Haltestelle, die Köpfe gesenkt, der Blick tief im Smartphone. Plötzlich quatscht der eine den andern an und man merkt „Oh, scheinbar sind die beiden miteinander bekannt“. Doch statt persönlicher Interaktion und einem geführten Dialog wird Social Media geprüft, oder Candy Crush gespielt.
Sogar für die intimsten Bereiche des Soziallebens gibt es realgestaltete Gegenstücke, beispielsweise das „Bordoll“ in Dortmund, Deutschlands erster Puff für Sexpuppen. Wenden wir jetzt die neue fühlende Kunsthaut auf derartige Bereiche an, beispielsweise durch die Kopplung einer Sprachausgabe von einzelnen Sätzen, Stöhnen, Schreien oder ähnlichem an bestimmte Gesten, (was ja kein realitätsferner Gedanke ist), lässt sich die Frage stellen, ob wir unserem eigenen Wohlbefinden und unserer psychischen Gesundheit nicht selbst ein Beinchen stellen. Wenn nicht gar ein Grab schaufeln. Wenn man die Abgründe dieser Gedanken zulässt, tun sich weitere Fragen auf. Nicht jede Sexpuppe hat unbedingt die Maße von erwachsenen Frauen oder Männern. Manche haben sehr geringe Körpergrößen oder ein niedriges Gewicht, manche wirken – abgesehen von den häufig riesigen Brüsten – in Statur und Gestaltung eher kindlich. Wahrscheinlich aus Platzgründen. Vorsichtig formuliert ein schwieriger Gedanke, wenn man ihn zulässt. Chance oder Risiko? Ich unterstelle niemandem eine Absicht in diese Richtung, doch Anwendungsbereiche einer solchen Entwicklung, und wenn Sie nur unschuldig mit einer Smartphonehülle beginnen, sind vielfältig. Natürlich sind das keine akuten Anwendungsbereiche, die innerhalb des kommenden Jahres zu befürchten sind, doch allzu fern dürften sie auch nicht mehr sein. Beim Gedanken an fühlende Smartphones bleibt bei mir in erster Linie eins zurück: ein unglaublich bitterer Nachgeschmack. 

:Kendra Smielowski