„ingolf wohnt“ beim Festival Favoriten
Sirenengesänge aus der Single-Wohnung
Bild: Kötter/Seidl/Favoriten
Ein Arbeitsplatz für eine Opernvision: Kötter/Seidl porträtieren den Hobbybastler in einem Video und laden in seine nachgestellte Butze ein. Bild: Kötter/Seidl/Favoriten
Ein Arbeitsplatz für eine Opernvision: Kötter/Seidl porträtieren den Hobbybastler in einem Video und laden in seine nachgestellte Butze ein.

Kunst. Gurkenstullen und Opernvisionen prägen das Leben eines Hobbytüftlers in „ingolf wohnt“. Für die Produktion beim Festival Favoriten hat das Künstler-Duo Kötter/Seidl die Wohnung des ehemaligen DDR-Rundfunkmitarbeiters detailgetreu nachgebildet.

Sirenen lockten ja schon Odysseus. Adorno interpretierte seine Vorbeifahrt an dem betörend beschriebenen Gesang dieser weiblichen Mischwesen als Einritt in die menschliche Zivilisation. Während alle bisherigen Seefahrer den Sirenen unterlagen und sanken, hat Odysseus eine List, mit der er den Übergang in die moderne Herrschaft verkörpert: sich selbst lässt er an den Mast binden, seinen Untertanen die Ohren verstopfen. So können sie vorbei rudern, während ihr Herrscher einem Konzert beiwohnt. Fortschritt und Unterdrückung sind untrennbar, schlussfolgerte Adorno daraus. Und die Sirenen? Sie liegen weit in der mythischen Vergangenheit zurück.
Ingolf möchte diese Sirenengesänge wieder zum Leben erwecken. Dabei ist er tief verschlungen im Dickicht der modernen Zivilisation. Er wohnt in einer schäbigen Single-Wohnung und kriecht eher wenig abenteuerlich aus dem Bett. Bevor wir sehen, wie er auf der Glotze Nachrichten über Krieg und Flucht verfolgt.
Um diese titelgebende Figur vorzustellen, haben das Künstler-Duo Daniel Kötter und Hannes Seidl im Dortmunder Depot Smartphones aufgestellt. Die Besucher*innen können dort an Tischen Platz nehmen und auf den kleinen Bildschirmen Ingolfs Alltag verfolgen: Ingolf, der Stopftabak raucht; Ingolf, der sich eine Gurkenstulle gönnt. Und vor allem: Ingolf, wie er an seinen zahlreichen Instrumenten und Geräten schraubt.
 

„Ulysses“ und alte Ravioli

Denn diese Favoriten-Produktion von Kötter/Seidl greift die Idee des ehemaligen DDR-Rundfunkmitarbeiters Ingolf Haedicke auf. Dem Hobby-Tüftler schwebte eine eigensinnige Opern-Utopie vor, in der elektronische Synthesizer die Sirenen wiedererwecken und in der sich nicht nur die Elite in die Sessel der Kulturtempel hinpflanzen.
Für dieses Expanded-Cinema-Projekt wurde im Depot die Wohnung des Opernliebhabers detailgetreu nachgebildet. Dort können die Besucher*innen eintreten, nachdem sie das rund einstündige Video gesehen haben. Eine Favoriten-Mitarbeiterin drückt mir den Haustürschlüssel in die Hand und empfiehlt: „Fühlen Sie sich wie Zuhause!“. Und das tun dann auch einige in dieser nachgebauten Wohnung, in der sich an den Wänden Werkzeuge und andere Technik stapelt: Manche hocken am PC von Ingolfs Opernlabor, andere stibitzen sich was aus der Küche, in der er es nach altem Dosenravioli riecht. Ich hocke mich auf Ingolfs Bett und blättere kurz im „Ulysses“, von dem in der Bude gleich zwei Ausgaben herumliegen. Bekanntlich schrieb Joyce ja seinen Romanklassiker über den Stadtalltag eines modernen Subjekts in Anlehnung an Homers „Odyssee“. Anscheinend lässt Ingolf dieses Motiv nicht los. „Back to the roots“, sagt er in einer Videoszene  über seine Opernträume. Und fügt hinzu: Schön solle sie sein, diese Show aus Sirenen. Da sitzt Ingolf alleine in der Kneipe und kippt das Bier weg. Bevor er in seine Single-Wohnung zurückschlendert.             

   :Benjamin Trilling