:bsz-Nebenjob-Serie: „Alles außer kellnern“ – Teil II
Schreiben bis die Hand schmerzt
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Und da sage doch jemand, die Schönschriftnote in der Grundschule sei überflüssig: Geld verdienen im Namen personalisierter Werbung. Foto: joop
Und da sage doch jemand, die Schönschriftnote in der Grundschule sei überflüssig: Geld verdienen im Namen personalisierter Werbung.

Ein Stapel Briefpapier mit Wintermotiv und dazu passende Umschläge griffbereit, der Füller durchgeladen und entsichert, weitere Tintenpatronen als Nachschub stets parat – so sah es vor kurzem noch auf Katharinas Schreibtisch aus, die ganze Adventszeit hindurch. Doch die RUB-Studentin hatte sich nicht etwa vorgenommen, die eigene Verwandtschaft bis ins vierte Glied mit Weihnachtsgrüßen zu erfreuen – nein, ihre Mission lautete: Werbebriefe schreiben, von Hand.

Begonnen hatte alles mit einer Online- Kleinanzeige, die der Betreiber mehrerer Bochumer Sonnenstudios geschaltet hatte. Er suchte nach BewerberInnen mit einer schönen Handschrift.

„Ich habe mich gleich angesprochen gefühlt“, erzählt Katharina, die an der Ruhr-Uni Anglistik und Germanistik studiert. Und das obwohl sie ihre eigene Schrift eigentlich gar nicht so schön findet. „Aber da ich gern male, kann ich auch eine schöne Handschrift nachmachen. Ich konnte mich also ein bisschen verstellen.“

Verstellt hat sie sich gleich mehrfach. In ihrem handschriftlichen Bewerbungsschreiben war nicht der Inhalt ausschlaggebend, sondern das Schriftbild; also bot Katharina in jedem neuen Absatz eine andere Schriftprobe an – mit Erfolg.

Sie wurde zu einem Gespräch eingeladen und für ihren neuen Job gebrieft. Mit den weihnachtlichen Werbebriefen sollten langjährige KundInnen weiter an die Sonnenstudio-Kette gebunden werden und mit beigefügten Gutscheinen weitere KunstsonnenanbeterInnen im Bekanntenkreis anlocken. Von Hand geschrieben sollten die Briefe persönlicher wirken und sich von anderer Werbung absetzen. In klassischer Schreibschrift, aber im Schriftbild erwachsen und nicht zu kindlich – so wolle es der Auftraggeber.

Kalligrafie als kuriose Werbestrategie

Warum ausgerechnet ein Sonnenstudio Kalligrafie für sich als Werbestrategie entdeckt, kann auch Katharina nicht beantworten. Es war ein Experiment, das sie selbst durchaus witzig fand, im positiven Sinne. Aber nicht nur sie hielt ihren Nebenjob für kurios.

„Wenn ich die Reaktion der Leute nehme, denen ich davon erzählt habe, dann muss es wohl sehr ungewöhnlich sein“, sagt sie. „Die haben mich angeschaut, als hätte ich einen Schaden oder würde mir das ausdenken.“

Aber es war kein Hirngespinst, und entpuppte sich doch als harte Arbeit. Der Sonnenstudio-Betreiber stattete Katharina mit Briefpapier, Füller und Patronen aus. Dazu bekam sie eine Adressenliste der anzuschreibenden KundInnen ausgehändigt sowie den vorbereiteten Werbetext, und schon ging es ans Werk.

Anderthalb Monate hatte sie zu tun, in der vorletzten Adventswoche musste sie fertig sein, damit die Werbung noch rechtzeitig bei den KundInnen ankam. Sie arbeitete in Schüben, neben ihrem normalen Arbeitspensum in Anglistik und Germanistik.

„Immer wenn ich Zeit hatte, habe ich mich hingesetzt und zwei bis drei Stunden geschrieben“, berichtet Katharina. 150 zweiseitige Briefe musste sie verfassen, dazu noch jeweils drei Gutscheine und natürlich die Umschläge beschriften. Wenn nur ein einziger Flüchtigkeitsfehler die hochkonzentrierte Arbeit einer ganzen Seite zunichte machen kann, wird das Frustrationspotenzial deutlich. Doch der Lernprozess zeigte schnell Effekte, am Ende landeten gar keine Briefe mehr im Papierkorb, und das Schreiben ging Katharina immer rascher von der Hand, schneller als vom Auftraggeber erwartet. Ursprünglich war dieser von drei Briefen pro Stunde ausgegangen und hatte dafür einen Stundenlohn von 7,50 Euro vereinbart. Katharina benötigte letztlich pro Brief etwa zehn Minuten, brauchte also nur die Hälfte der Zeit, um auf ihr Gehalt zu kommen. Dass sich Schönschreiben noch einmal so auszahlen würde, hätte sie nicht erwartet. Sie hoffte deswegen, dass die Aktion zu Ostern wiederholt wird, was jedoch vom Erfolg der weihnachtlichen Kundenwerbung abhängt. Bis dahin sollte sie genug Zeit haben, sich von dem Schreibmarathon zu erholen, der für Katharina gemischte Erfahrungen mit sich brachte.

Meditatives Marketing-Mantra

Schon allein der vom Auftraggeber vorgegebene Text wird sie wohl noch lange begleiten. Bereits nach fünf bis zehn Wiederholungen war er fest in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie kann ihn auch Wochen nach dem letzten geschriebenen Brief immer noch auswendig herunterrattern, wie ein Mantra.

„Es war wirklich entspannend, das hätte ich nicht gedacht“, gibt sich Katharina überrascht von der meditativen Wirkung der Kalligrafie, macht jedoch aus der Langeweile keinen Hehl, die irgendwann aufkam. Während ihre Hände die Briefe auswendig, beinahe mechanisch herunterschrieben, berieselte sich Katharina per Youtube mit einer Folge des US-Trashformats „Extreme Makeover“ nach der anderen; sicher nicht die schlechteste Wahl, um den Geist frei zu machen. Meditation hin oder her, ganz schmerzfrei war der kalligrafische Selbstversuch jedoch nicht, wie Katharina zugeben muss: „Ich hatte auch nicht gedacht, dass meine Hand so weh tun würde.“ Alles Leben ist Leiden, lehrte schon Buddha. Für Studierende gilt das eben nicht nur an der Uni, sondern auch im Nebenjob.