Interview: Berliner AktivistInnen wollen Europäischen Mauerfall – und treffen auf Polizeipanzer
Repression gegen Grenzüberschreitung
Foto: Hanna Aders
Aufbruchstimmung: Nach einer Ansprache von Shermin Langhoff am Gorki-­Theater, Berlin. Foto: Hanna Aders
Aufbruchstimmung: Nach einer Ansprache von Shermin Langhoff am Gorki-­Theater, Berlin.

Am  Vorabend des 9. November brachen vom Berliner Maxim-Gorki-Theater aus einhundert AktionskünstlerInnen und PolitaktivistInnen rund um das Zentrum für politische Schönheit zu den Außengrenzen der EU auf. 14 Kreuze zum Gedenken an die ‚Mauertoten‘ an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Ost- und Westberlin wurden am 25. Jahrestag des Mauerfalls für die Aktion ‚entliehen‘ und an drei Orten entlang der EU-Grenze aufgestellt: am Grenzzaun der spanischen Enklave Melilla in Marokko, in Griechenland sowie in Bulgarien. Dies entfachte eine breite mediale Debatte darum, was (politische) Kunst darf und was nicht. Erklärtes Ziel der AktivistInnen war es zudem, den europäischen Grenzzaun einzureißen, um so für den „Ersten Europäischen Mauerfall“ zu sorgen. Die beiden politischen AktivistInnen Kathrin und Jan waren mit dabei und berichten im Interview mit Gastautor Philipp Adamik für die :bsz.

:Philipp Adamik: Am Freitag sind die Busse des Zentrums für politische Schönheit zur EU-Außengrenze nach Bulgarien aufgebrochen, um den „Ersten Europäischen Mauerfall“ zu zelebrieren. ­Warum habt Ihr an der Aktion teilgenommen?

Kathrin und Jan: Wir haben uns sehr spontan entschieden, mit dem Auto hinterherzufahren – zu dem Zeitpunkt waren in den Bussen schon keine Plätze mehr frei. Insgesamt fanden und finden wir die Aktion unterstützenswert, denn sie regt zu einer wichtigen und unabdingbaren Diskussion an: Wie gedenken wir? Und wie gehen wir mit einem Gedenkkult um, der auf die am bigottesten denkbare Art und Weise Geschichte instrumentalisiert, relativiert und umdefiniert? Bezeichnend war ja nicht nur, dass man hierzulande, angesichts des nationalen Einheitstaumels, vom 9. November 1989 nahezu nichts mehr gehört und gesehen hat, sondern auch – und das hat die Aktion sehr schön gezeigt – wie perfide man eine Trennlinie zwischen bedauernswerten Toten (weißen Deutschen) und jenen, die es nicht wert seien, ihnen zu gedenken (Afrikaner, Araber etc.) aufmacht.

„Eine verabscheuungswürdige Tat!“ (Frank Henkel (CDU), Innensenator Berlin)

„Die Weißen Kreuze sind gestohlen worden mit einer heldenhaften Attitüde und einer pseudohumanitären Begründung, die man für blanken Zynismus halten muss.“ (Norbert Lammert (CDU), Bundestagspräsident)

Insbesondere die Statements aus der Union, allen voran von Henkel und Lammert, waren hier ‚Gold‘ wert. Deutlicher konnte man nicht klarmachen, dass die „Flüchtlingspolitik“ hierzulande in erster Linie rassistisch getrieben und eben keine ist, die durch Sachzwänge entsteht, wie man uns das weiszumachen versucht. Aber auch seitens der SPD und der Grünen kamen da teilweise schöne unfreiwillige Bekenntnisse zustande. Außerdem geht es freilich darum, und das hängt eng mit ersterem Punkt zusammen, dass die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie sie heutzutage an den EU-Außengrenzen geschehen, von der Mehrheit der Gesellschaft schweigend hingenommen oder mit Scheinargumenten verteidigt werden.

Die Aktion hat in Deutschland zu einer kontroversen Diskussion geführt. Insbesondere das Ausleihen der Gedenkkreuze für die Toten an der innerdeutschen Grenze wurde stark kritisiert. Der Stellvertretende Bundesvorsitzende der „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“, Hugo Diederich, sieht zum Beispiel keinen Zusammenhang zwischen den Opfern an der innerdeutschen Grenze und den Problemen der heutigen Zeit. Seht Ihr einen Zusammenhang zwischen den Mauertoten und dem, was derzeit an den europäischen Außengrenzen passiert?

Eine Verbindung zwischen den Mauertoten der DDR und den heutigen Opfern an der Grenze zur Europäischen Union zu leugnen, zeugt von Kurzsichtigkeit. Der politisch-gesellschaftliche Kontext ist sicherlich ein anderer – die Menschen, die damals bereit waren und die heute bereit sind, für ihre Freiheit enorme Strapazen und sogar den Tod in Kauf zu nehmen, sind es nicht.

Durch die Einzäunung unserer privilegierten Staatengemeinschaft enthalten wir Frauen, Männern und Kindern aus Krisengebieten wie dem Bürgerkriegsland Syrien den Zugang zu der von uns Europäern so hochgeschätzten relativen Freiheit und Sicherheit vor und treten stattdessen ihre Menschenwürde mit Füßen.

„Es starben 800 Menschen an der Berliner Mauer. Die DDR war ein Unrechtsstaat – Es starben 20.000 Menschen an den Grenzen zu Europa. Die EU ist Friedensnobelpreisträger.“ („Die Anstalt“, ZDF, 18.November 2014, 22:20 Uhr, über „Die Schande von Melilla“)

Wer den Zusammenhang zwischen den damaligen und den heutigen Mauertoten leugnet, verkennt, dass das Streben nach Freiheit und Sicherheit und einem menschenwürdigen Leben keiner geschichtlichen Einordnung bedarf und es unsere Pflicht ist, Freiheit nicht nur als leerer Worthülse auf einer pompösen ‚Mauerparty‘ zu frönen.

Zeitungsberichten zufolge wurde die gesamte Aktion stark durch Polizeikräfte in Serbien und Bulgarien behindert. Wie habt Ihr das Verhalten der Polizei erlebt?

Da wir mit dem Auto hinterher- bzw. später vorausgefahren sind, haben wir nur durch Telefonkontakt mitbekommen, welche Maßnahmen gegen die Busse getroffen wurden. Aber insbesondere durch die Panikmache in Teilen der bulgarischen Presse, in der von ‚Linksterroristen‘ fantasiert wurde, hat man in der Tat mit starker Repression reagiert. Um Yambol (10 km östlich des US-Luftwaffenstützpunkts Bezmer, d. Red.), dem letzteren größeren Ort auf unserer Route vor der bulgarisch-türkischen Grenze, waren alle Unterkünfte mit hochgerüsteten Polizisten ausgebucht, teilweise herangezogen aus der Anti-Hooligan-Einheit aus Sofia, die es dort für gewöhnlich mit militanten Neonazis aufnehmen müssen. Rund um die Hotels standen Panzerwagen. Bei uns verlief der Weg zur Grenze zwar strapaziös, aber doch reibungslos, was den Kontakt mit der Polizei angeht. Nur an der serbisch-bulgarischen Grenze hatten wir zuvor einen kurzen Zwischenfall mit einem Mitarbeiter des bulgarischen Innenministeriums, der uns kurz verhörte und nachhakte, ob wir etwas mit dem „von einer Gruppe Deutscher geplanten politischen Protest“ zu tun hätten. Das stritten wir ab und kamen somit auch recht unkompliziert durch – was hätte er auch tun sollen?

Gab es trotz der massiven Polizeipräsenz Möglichkeiten, mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen?

Die Möglichkeit hätte es sicher dennoch gegeben, scheiterte aber einerseits daran, dass wir stets spät abends in besiedelten Gebieten ankamen. Zudem war der Zeitdruck enorm.

Die Aktion hat zumindest ihr nominelles Ziel nicht erreicht. Keiner der Aktivisten konnte in Bulgarien auch nur bis zum europäischen Grenzzaun vordringen. Kann/konnte diese Aktion dennoch eine (politische) Wirkung zeitigen?

Wie gesagt, nahezu jedes Statement der Politik in Deutschland war ein Offenbarungseid der Bigotterie. Von Henkels Agitation gegen das Maxim-Gorki-Theater und die Repression gegen deren Intendantin ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass die Medienaufmerksamkeit groß war und definitiv nicht nur den üblichen kleinen Mikrokosmos der Flüchtlingsaktivisten erreicht hat. Außerdem hat das Grenzregime ohne Frage gezittert – ein derartiger Furor in Bulgarien, die Repression, ein Innenminister, der seinen Rücktritt androht, sollte der Zaun erreicht werden – und das alles wegen ein paar Künstlern, Hippies, Flüchtlingsaktivisten und sonstigen Linken der handzahmsten Sorte…

Eine Wiederholung der Aktion ist bereits angekündigt worden. Seid Ihr dann wieder mit dabei?

Das ist eine Frage der Zeit, des Geldes und natürlich, ob man von den Fehlern im Rahmen dieser Aktion gelernt hat. Tendenziell aber ja.

Das Interview führte

:Gastautor Philipp Adamik

Mehr im Netz unter www.politicalbeauty.de und www.facebook.com/politische.schoenheit

Europa am Abgrund im Niemandsland zwischen Bulgarien und der Türkei: Polizisten, welche normalerweise auf nationalistischen Demonstrationen in Sofia eingesetzt werden, blokieren den Weg und wollen verhindern, dass die AktivistInnen die EU-Außengrenze zu Gesicht bekommen. Foto: Hannah Aders
Friedlich, aber bestimmt: Kurz vor Abreise am Gorki Theater in Berlin. Foto: Hannah Aders
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