Einblicke in ein tabuisiertes und angefeindetes Gewerbe
Prostitutionsdebatte im Kulturcafé
Foto: Patrick Henkelmann
Klärte über Klischees und Hintergründe auf: Sexarbeiterin Melanie Schwarz. Foto: Patrick Henkelmann
Klärte über Klischees und Hintergründe auf: Sexarbeiterin Melanie Schwarz.

Das Prostitutionsgesetz wird verschärft. Am dritten Februar einigte sich die Große Koalition auf die umstrittenen Eckpunkte des neuen Gesetzes. Währenddessen fand an jenem Abend im Kulturcafé der RUB ein Vortrag statt, bei dem die Prostitutionsdebatte von einer politisch engagierten Sexarbeiterin kritisch beleuchtet wurde. Es gab Aufklärung über die Realität des Gewerbes – und bedrückende Analysen angesichts der kommenden Vorschriften.

Schon seit Ende 2012 wird in Deutschland um das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz (ProstG) und dessen gesellschaftliche Folgen gestritten. KritikerInnen sehen das ProstG als verantwortlich für eine massive Zunahme von Menschenhandel und Zwangsprostitution – obwohl es dafür keinerlei Belege gibt – und fordern weitreichende Beschränkungen und Kontrollen. ProstitutionsgegnerInnen wie Alice Schwarzer fordern, nach dem Vorbild Schwedens gleich ein generelles Verbot der Sexarbeit.

Die Medien geben bis heute überwiegend diesen Positionen Raum und befeuern die Debatte mitunter sehr reißerisch. In der Sexarbeit tätige Menschen kamen dabei anfangs kaum zu Wort. Im Jahr 2013 hat sich deswegen der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) gegründet, um den SexarbeiterInnen eine medial präsente Stimme zu verleihen.

Von der white slavery zu den Osteuropäerinnen

Die beim BesD aktive Melanie Schwarz referierte im Kulturcafé über die Prostitutionsdebatte und allgegenwärtige Klischees und Behauptungen. Als historische Parallele wurde von ihr der medial geschaffene Mythos der „white slavery“ im England und in den USA des 19. und 20. Jahrhunderts thematisiert. Damals kursierten Horrorgeschichten von massenhaft verschleppten und zur Prostitution gezwungenen jungen weißen Frauen.

Das Hauptziel dieser Kampagnen sei seinerzeit gewesen, den Lebenswandel der Frauen zu kontrollieren. Für Frau Schwarz sind die Parallelen zu heutigen Mediendarstellungen von osteuropäischen Prostituierten offenkundig, die leichtfertig und pauschal als Opfer von Menschenhandel charakterisiert werden. Dabei gehe es bestimmten Teilen der Politik in Wahrheit darum, die Arbeitsmigration dieser Frauen nach Deutschland zu verhindern.

Verbote, Pflichten und Probleme

Die Gesetzesverschärfung lehnt der Berufsverband entschieden ab – auch bezüglich der Kondompflicht sowie der Kriminalisierung von Flatrate-Bordellen und kommerziellen Gangbang-Parties. Mit größter Sorge werden allerdings die Anmeldepflicht für Prostituierte und die Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten gesehen. Die Anmeldung in jeder Gemeinde, in der man sexuelle Dienstleistungen erbringt, stelle nicht nur unnötige Bürokratie dar, so Melanie Schwarz, sondern lasse SexarbeiterInnen um ihre Anonymität fürchten und dränge einige in die Illegalität. Die Erlaubnispflicht schließlich ermögliche es Gemeinden noch leichter, Arbeitsstätten von Prostituierten willkürlich zu verhindern oder zu schließen. Da auch Arbeitswohnungen hiervon betroffen seien, werde das Selbstbestimmungsrecht in gravierendem Maße beeinträchtigt. Düstere Aussichten für SexarbeiterInnen.

:Gastautor Patrick Henkelmann
 

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