Bolschewistische Plakat-Avantgarde in der Uni-Bib
Plakatkunst als Zeitzeuge
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Das Plakat Dimitri Moors mit der charakteristischen roten Farbgebung und 60 weitere Digitalisate sind in der UB zu sehen. Foto: lor
Das Plakat Dimitri Moors mit der charakteristischen roten Farbgebung und 60 weitere Digitalisate sind in der UB zu sehen.

Exposition. Eine Revolution im Land, aber wie die Inhalte transportieren? Das Plakat wurde das Medium der 20er Jahre im bolschewistischen Russland.  Bis zum 31. Juli sind den sowjetischen Plakaten eine Ausstellung in der UB gewidmet.

Der Mann lehnt auf einem mit roten Vorhängen behangenen Balkon, streckt den rechten Arm, gemeinsam mit dem Blick ist dieser nach vorne, in die Zukunft gerichtet. Die Sturmwolken unterstreichen die Dramatik der Szene: Es ist Wladimir Lenin, der auf einem der politischen Plakate der Russischen Bürgerkriegszeit (1917-1921) abgebildet ist. Weit über 400.000 dokumentieren die langsam anrollende Propagandamaschinerie des jungen sowjetischen Staates. Hundert Jahre nach den Ereignissen der Oktoberrevolution, mit der die Bolschewiki an die Macht kamen, widmen das 

Landesspracheninstitut (LSI) der RUB und die Bochumer Universitätsbibliothek (UB) dem wichtigsten Medium der Anfangsjahre seit dem 13. Juni eine eigene Ausstellung in der UB. 

Unsicherer Beginn

Laut Dr. Klaus Waschik, Direktor des LSI und Slavist sowie Kulturhistoriker, sprach vor allem der visuell erfahrbare Charakter der politischen Plakate für dieses Medium zur Verbreitung der Revolutionsziele. Das Problem: die hohe Analphabetismusrate. 64 Prozent konnten in der Zeit des Russischen Bürgerkriegs, in dem vornehmlich rote Bolschewiki und weiße MonarchistInnen gekämpft haben, nicht oder nur schlecht lesen und schreiben. Plakate und die Bildsprache bildeten einen wesentlichen Pfeiler zur Darstellung der neuen revolutionären Welt und deren Werte. „Wenn wir heute sagen, wir machen eine Ausstellung, liegt es sehr nahe, diesen Teil zu nehmen, weil man an ihm sichtbar zeigen kann, was sich verändert hat durch diese Revolution und zum anderen, weil es sich einfach um einen großen Teil der visuellen Politik handelt“, so Waschik zur Begründung der Wahl des Plakates als Mittelpunkt einer Ausstellung. 

Die Motivik dieser Zeit war vielfältig, da verschiedene, nicht von der Regierung beauftragte KünstlerInnen, diese gestaltet haben. Zu Beginn bedienten sich die Kunstschaffenden „bei den Motiven auch bei den anderen Parteien, auch im Ausland“, da es bis dato keine politischen Plakate in Russland gegeben hat. Diese wurden zum Teil „sehr sehr mutig, auch künstlerisch, avanciert und avantgardistisch“. Spätestens 1920 wurde dieser Stil charakteristisch. Thematisch wurden Motive zur Darstellung von Befreiung – Sprengung von Ketten, aufgehende Sonne – aber auch die HauptprotagonistInnen – ArbeiterInnen, Bauernschaft, Köpfe der Revolution und des Kommunismus – dargestellt. 

Agitation und Ironie 

Erst seit den 1970ern interessierte sich die Wissenschaft für die agitierenden Plakate. Der Grund: Die Sowjetunion war zuvor eine terra incognita in der Forschung, mit der sich nicht beschäftigt wurde. Erst im Zuge der 68er-Bewegung und dem aufkommenden Interesse für sozialistische Modelle kam es zu einer Auseinandersetzung. Bis heute werden die Motive gedruckt, allerdings nicht mehr zur ideologischen Identifikation: „Das Plakat lebt in einer ironischen Subkultur weiter.“ Motive werden „zitiert, modifiziert, collagiert“: So wird Lenin durch das Konterfeit Putins auf T-Shirts oder Bierdeckel ersetzt. 

Die Ausstellung „Ich glaube wir werden den 100. Jahrestag erleben“ geht bis zum 31. Juli – zu den Öffnungszeiten der UB können die Plakate besichtigt werden.

:Andrea Lorenz