Netflix-Serie zwischen Stalking, Spannung und Schwächen
Mitleid mit einem Stalker

Rezension. Der Streamingdienst Netflix veröffentlichte am 26. Dezember 2018 die „Lifetime“-Serie „You – Du wirst mich lieben“.

Ein Buchhändler, eine junge Frau und eine ganze Menge Probleme. So in etwa könnte der Plot der US-amerikanischen Fernsehserie aus der Feder von Greg Berlanti („Arrow“, „Riverdale“) und Sera Gamble („Supernatural“) lauten. Doch den beiden gelingt es, die Romanvorlage von Caroline Kepnes voller Düsterkeit und Drama auf den Bildschirm zu bringen. Der Buchhändler Joe Goldberg, gespielt von Penn Badgley („Gossip Girl“), verliebt sich in die Literaturstudentin Guinevere Beck (Elizabeth Lial). Wenn da bloß nicht Becks Freund Benji, gespielt von Lou Taylor Pucci, die obsessive Peach (Shay Mitchell) oder jeder andere Mensch in Becks Leben wären. Und wenn Joe nicht ein vom Objekt seiner Begierde besessener Stalker wäre. Neben seinem Dasein als Stalker versteht sich Joe Goldberg darin, ein ganz normales Leben zu führen, in Bezug auf seinen Nachbarsjungen Paco ist er sogar erstaunlich fürsorglich und liebevoll.


Story mit Haken

Zwar schafft das Regie- und Drehbuch-Duo Berlanti und Gamble, Joe selbst während seiner psychotischsten Schübe mitleiderregend wirken zu lassen, jedoch nicht, ohne die Katharsis voll über die Zuschauenden hereinbrechen zu lassen. Das scheint ungewollt und funktioniert trotzdem. Vor allem das Erzählen bei „You“ ist interessant, denn nicht irgendwelche Dialoge prägen den Fortschritt der Story, sondern Joes Gedankengänge im Monolog. Das ist anstrengend, aber unerlässlich, geht es doch um Wahnvorstellungen und Gefühle.
„You“ funktioniert in weiten Teilen als spannende Serie, aber es fehlt ihr an Tiefgang. Es wird kaum ersichtlich, warum Joe eine solche Besessenheit direkt nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Beck entwickelt. Es wird auch nicht ersichtlich, was Joe zu seinen teils grausamen Handlungen treibt. Durch die teilweise quälend langsame Entwicklung der Story, langgezogen auf mehrere Folgen zwingt einen die Serie beinahe zum Binge-Watching. Spielfilmlänge hätte vermutlich ausgereicht. Dass die Serie noch vor Erstausstrahlung um eine zweite Staffel verlängert wurde, ist nicht direkt ersichtlich. Auch wenn ein erstklassiger Cliffhänger eine Fortführung notwendig zu machen scheint.

:Justin Mantoan