Was darf man zeigen?
Marat/Sade spaltet Geister
Bild: Florian Krauss
Authentizität, Kontrolle und Freiheit: Noch zweimal auf der Theaterbühne in Bochum Bild: Florian Krauss
Authentizität, Kontrolle und Freiheit: Noch zweimal auf der Theaterbühne in Bochum Bild: Florian Krauss

Kommentar. Wer darf wen spielen? Und wer nicht? Dies ist auch eine der Fragen, mit denen sich das Theaterkollektiv Monster Truck beschäftigt.

In den Kammerspielen des Schauspielhaus Bochum bespielt zurzeit eine Inszenierung von Peter Weiss berühmtem Drama Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade unter Regie der preisgekrönten Performancegruppe Monster Truck die Bühne. Besonders an dieser Inszenierung ist unter anderem, dass die Darsteller*innen zu großen Teilen in dem Stück etwas spielen, was für sie und viele Menschen im Alltag Realität ist. Es geht um Bevormundung, feste Tagesabläufe oder das Arbeiten mit Zuschreibungen wie „Ey, du hast doch das und das“, wie es Manuel Gerst von Monster Truck formuliert. Denn 12 der Darsteller*innen mit Theatererfahrung aber auch psychischen Erkrankungen wurden mithilfe des Zentrums Neue Wege und der
Lebenshilfe Bochum gesucht und gefunden. Selbst Regisseurin Sahar Rahimi und Regisseur Manuel Gerst geben innerhalb des Theaterstücks Einblick in ihre psychischen Erkrankungen, wie einer bipolaren Störung und Depressionen sowie körperlichen Behinderungen. Die Frage, wie offen damit auf Theaterbühnen umgegangen werden kann und welche Parallelen zum alltäglichen Leben dabei geschlagen werden können, wird hier ausgeleuchtet.

Die erste Hälfte des Stücks präsentiert die psychisch erkrankten Figuren quasi als Puppen, die nach einer Vorstellung mit Zusammenfassung ihrer Krankheitsgeschichte von zwei Figurenspieler*innen hart an ihren Strippen gezogen werden. Harsch werden sie in weißen Blocksäulen hin und her geschoben und sobald sie mit ihren Köpfen oben hinausschauen, greifen die Figurenspieler*innen ihre Köpfe und Münder und formen damit die Worte, die sie parallel zum Puppenspiel sprechen. Alles nach einem festen Plan, sodass Zwangsabläufe entstehen, die sowohl die gespielten Figuren als auch das Publikum belasten und fordern.

In der zweiten Hälfte des Stücks, nach der Ermordung des Revolutionsführers Jean Marat, stehen die Figuren vor einer anderen Realität. Unter der Führung des Marquis de Sade, großartig gespielt von Dragfrau Renate Stahl, wird das Schauspieler*innenensemble vollkommen sich selbst überlassen. Revolution, Chaos und vor allem Freiheit sind Themen auf der Bühne. Der Text des Originalstücks ist in dieser Interpretation radikal gekürzt, denn eher wird sich hier mit Fragen der Inklusion, wie „Sind alle Menschen gleich oder braucht man Eigenbetreuung?“ befasst. Gerade in Zeiten, in denen der Freiheitsbegriff eine große Rolle spielt, scheint die Besetzung des Marquis de Sade durch eine Dragqueen kaum schockierend. Die Besetzung der geistig Erkrankten mit psychisch erkrankten Darsteller*innen hingegen wirkte für einige Zuschauer*innen eher befremdlich. Vereinzelte Zuschauer*innen waren sich unsicher, ob es sich hierbei eher um ein Lachen über, als um ein Lachen mit handelt. Dabei stehen die Darsteller*innen hier freiwillig. Vielleicht liegt das auch daran, dass psychisch oder physisch eingeschränkte Figuren im Film und auf der Bühne nur selten mit Schauspieler*innen besetzt werden, die an den dargestellten Krankheiten leiden. Beispiele wie Dustin Hoffmans Repräsentation des Autisten Raymond oder Leonardo DiCaprios Darstellung des geistig behinderten Jugendlichen Arnie Grape sind nur zwei Beispiele. Beide Performances sind zwar schauspielerische Topleistungen, doch stellt sich Gerst zusammen mit Dramaturg Tobias Staab zurecht die Frage, wieso nicht häufiger die Personen das spielen sollen, für die die dargestellten Probleme Realität und nicht nur Schauspiel sind.                               

:Christian Feras Kaddoura