Wenn man sich die Umgebung aussuchen könnte …
(K)eine Nachbarschaft des Grauens
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Sie sind überall: Reihenhäuser sind beliebt bei Familien, doch anscheinend dürfen nicht alle Familien bleiben.   Bild: mag
Sie sind überall: Reihenhäuser sind beliebt bei Familien, doch anscheinend dürfen nicht alle Familien bleiben.

Kommentar. In Münster müssen geflüchtete Familien umziehen, weil in der Nähe eine Unterkunft für Obdachlose errichtet wurde. Beides sei den AnwohnerInnen nicht zumutbar. Die Idylle wird nicht durch die betroffenen Familien zerstört, sondern durch die Einstellung der Menschen.

Stell Dir vor, Du wohnst in einer Reihenhaussiedlung. Haus an Haus mit Deinen NachbarInnen. Hinter den Häusern ein kleiner Garten. Kinder toben, Menschen lachen, Vögel zwitschern. Ein idyllisches Leben. Doch in den Häusern gibt es eine Familie mit fünf Kindern, die nicht in das Bild passt: die Familie XY. Sie flüchtete vor fünf Jahren nach Deutschland und lebt seitdem in dieser Idylle. Ein Störfaktor. Und dann wird auch noch eine Obdachlosenunterkunft in der Nähe gebaut. Das ist zu viel! Die Familie muss gehen.

Nur die Ruhe

Eine erfundene Geschichte? Nein, das ist in Münster Realität, wie die „Westfälischen Nachrichten“ berichtet. Die siebenköpfige kurdische Familie Murad aus Syrien kam vor fünf Jahren nach Deutschland und lebt seitdem in dieser Reihenhaussiedlung. Sie haben sich gut eingelebt. Doch nun droht die Stadt mit einer Zwangsräumung, wenn sie nicht bis zum 17. Juli aus dem Haus ausziehen, das dem Bund gehört. Die Familie muss in zwei Zimmer einer Geflüchtetenunterkunft ziehen. Dieses Los trifft auch andere geflüchtete Familien, deren Häuser nicht ihr Eigen sind. Nicht nur die Familien, sondern auch die MünsteranerInnen sind schockiert. Der Grund für den Umzug ist genauso schockierend: Ein paar Häuser weiter wurde eine Unterkunft für Obdachlose eingerichtet. Heinz Lembeck, stellvertretender Leiter des Sozialamtes, erklärt gegenüber den Westfälischen Nachrichten: „50 Personen werden dort einziehen. Wir haben uns daher entschieden, die Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft freizuziehen. Die Nachbarschaft ist sehr sensibel.“ Er räumt ein, dass der Umzug eine Verschlechterung bedeute. Doch es sei keine alternative Unterbringung möglich gewesen.
Es ist nicht nur so, dass hier die Geflüchteten als „nicht zumutbar“ betrachtet werden, sondern auch Obdachlose. Die beiden Gruppen zusammen stören anscheinend die Fassade der intakten Reihenhäuser. Bevor sie überhaupt gemeinsam in dieser Umgebung leben können, werden sie direkt mit Vorurteilen belastet und abgewiesen, anstatt dass ihnen eine Chance gegeben wird. Schließlich sind es nur Menschen, die sich nach einem sicheren Schlafplatz sehnen und in Ruhe gelassen werden wollen.
Es stellt sich auch die Frage, ob tatsächlich Beschwerden eingegangen sind. Wenn ja, kann man sich jetzt immer beschweren, wenn die eigene Nachbarschaft für einen nicht zumutbar ist? Ich kann mir vorstellen, dass sich bestimmte Menschen in ihrer Nachbarschaft auch nicht wohlfühlen. Aber das muss nicht an geflüchteten Familien liegen. Was würde passieren, wenn wir uns beschweren können und der/die NachbarIn dann ausziehen muss? Alle würden wie „Reise nach Jerusalem“ quer durch die Stadt hin und her ziehen.

Neues Leben 

Stell Dir vor, Du wohnst in einer Reihenhaussiedlung. Haus an Haus mit Deinen NachbarInnen. In einer Nachbarschaft, wo die BewohnerInnen einander tolerieren, die füreinander einstehen, die sich auf unbekannte Menschen einlassen und nicht sofort „Nein“ sagen. Vielleicht gibt es diese Nachbarschaft. Doch wie soll man das herausfinden, wenn es direkt gestoppt wird?

:Maike Grabow

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