Große Solidarität mit den BesetzerInnen
Kampf um die Uni, die Stadt und den Dozenten
Quelle: TWA
Günstig wohnen: Eine der Forderungen von dem von kurzem gekündigten Andrej Holm. Quelle: TWA
Günstig wohnen: Eine der Forderungen von dem von kurzem gekündigten Andrej Holm.

Samstagmittag in Berlin. Es ist der zehnte Tag der Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Gegen 13 Uhr versammeln sich vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz um die 1.500 DemonstrantInnen: Studierende, MieterInnen, AktivistInnen. Auf einem großen Fronttransparent steht: „Uni von unten, Recht auf Stadt.“ Ein Demonstrant hält ein Schild in die Höhe, die Aufschrift: „Lasst den Studenten ihren Dozenten.“ Denn darin sind sich viele in Berlin einig: Die Kündigung Andrej Holms (siehe Chronik) als Staatssekretär und Dozent war keine arbeitsrechtliche, sondern politische Entscheidung. „Die Entlassung Holms als Staatssekretär richtet sich gegen eine soziale und solidarische Wohnpolitik, die Berlin dringend braucht. Der Senat blockiert auf diesem Wege eine fortschrittliche Mieten- und Wohnungspolitik, die im Interesse aller Berliner wäre“, so die InitiatorInnen der Demonstration.

Der Sozialwissenschaftler und Kurzzeit-Staatssekretär für Wohnen in der rot-rot-grünen Landesregierung Andrej Holm stand nicht nur der HausbesetzerInnen-Szene nahe, sondern hatte auch als Dozent einen guten Ruf: „Andrej hat in all seinen Seminaren stets für eine aktive Einbeziehung studentischer Interessen gesorgt. Dadurch genoss er unter der gesamten Studierendenschaft große Beliebtheit“, erzählt Louisa, eine der BesetzerInnen. „Die Verknüpfung von wissenschaftlicher Forschung mit politischer Praxis durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit stadtpolitischen Initiativen war für viele eine große Inspiration.“

„Bringt Kuchen mit, wir haben keinen Backofen!“

Seit Tagen hängt aus dem Institut ein Transpi: „Holm muss gehen, wir bleiben.“  Gefordert wird aber auch „eine Wohnungspolitik im Interesse der Mieter und Mieterinnen, nicht im Interesse der Investoren und Investorinnen“, wie es im Besetzungsmanifest heißt, das auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Eingeladen wurden alle Angestellten der Uni, um bei Kaffee und Kuchen über die Forderungen zu sprechen. Aber, fügen sie hinzu: „Bringt Kuchen mit, wir haben keinen Backofen“.

Denn drinnen haben sich basisdemokratische Strukturen gebildet: Unterschiedliche Arbeitsgruppen organisieren eine Küfa (Küche für alle), sprechen mit der Presse oder stellen ein Programm aus Workshops, Kino oder Konzerten zusammen.  So gab es Sonntagmittag einen Workshop zum Thema „Refugee strike“, Abends eine Podiumsdiskussion und zum Abschluss eine Filmvorstellung. „Jede*r, der*die eigenes Wissen einbringen möchte, egal ob Professor*in, Student*in, Aktivist*in oder andere*r Interessierte*r, ist eingeladen, bei der Programm-AG einen Workshop oder einen Vortrag anzumelden.“

Ein friedlicher wie kreativer Protest – für die Wiedereinstellung Holms aber auch eine bessere Stadt und Uni, wie die BesetzerInnen erklären: „Die herrschende Wohn- und Sozialpolitik und die Neoliberalisierung der Hochschulen sind in unseren Augen Teil ein und desselben Prozesses: Die Ausbreitung von Konkurrenzlogiken und Marktmechanismen in alle gesellschaftliche Sphären“ Die Besetzung soll auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden, wie es auf Anfrage der :bsz heißt: „Der gegenwärtige Konsens unter den Besetzer*innen ist, dass wir so lange bleiben, bis unsere Forderungen erfüllt werden, allen voran die Wiedereinstellung Andrej Holms.“

:Benjamin Trilling

Chronik der Ereignisse

Montag, 16. Januar: Andrej Holm (parteilos) erklärt seinen Rücktritt als Bausekretär der rot-rot-grünen Landesregierung und kommt damit einer Entlassung durch den Senat zuvor. Vorangegangen war eine Kampagne über Holms falsche Angaben über seine Stasi-Vergangenheit. KritikerInnen warfen jedoch ein, dass Holm als Gegner von Gentrifizierung und Immobilienspekulation gehen musste.
 
Mittwoch, 18. Januar: Die Präsidentin der Humboldt-Universität Sabine Kunst erklärt am Nachmittag auf einer Pressekonferenz, dass Andrej Holm entlassen wird. Begründet wird der Schritt damit, dass Holm bei seiner Einstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter falsche Angaben zu seiner Vergangenheit als Angehöriger der Stasi gemacht habe. Während der Pressekonferenz kommt es zu lauten Protesten von Studierenden. 
Unmittelbar nach Holms Entlassung twittert der SoWi-Fachschfatsrat: „Studis übernehmen die Veranstaltung! Das Institut ist besetzt.“
 
Dienstag, 24. Januar: Die BesetzerInnen stellen auf einer Pressekonferenz ihr Manifest vor. Längst geht es nicht mehr nur um die Wiedereinstellung Holms. So fordern sie unter anderem auch eine Wohnpolitik im Interesse der Bevölkerung und ein Stopp der Ökonomisierung von Forschung und Lehre zugunsten einer Demokratisierung der Uni. 
:bent

Plan B: Stadtsoziologie

Hochschule: Falls Andrej Holm nicht wiederkehren sollte, verlangt die Initiative „Uni von Unten“ die Schaffung einer neuen, unbefristeten Stelle am Lehrstuhl der Stadt- und Regionalsoziologie. 

Diese Forderung veröffentlichte die Initiative am 18. Januar via Twitter. Die neue Stelle solle jedoch nur dann geschaffen werden, wenn Holm nicht wieder, wie primär gefordert, an der HU Berlin eingestellt und als Staatssekretär für Wohnen eingesetzt würde. Begründet wird diese Forderung damit, dass mit dem Wegfall Holms „ein kritisches Studium zunehmend erschwert“ werde. Dem gelte es entgegen zu wirken. 

Im Studienfach der Stadt- und Regionalsoziologie, welches an der HU Berlin eine Professorinnen-Stelle vorweist und zu den Sozialwissenschaften gehört, beschäftigen sich Studierende mit der Beziehung zwischen Gruppen und dem städtischen Raum oder der Region.  Fragen, die in der Forschung geklärt werden, drehen sich daher um soziale Probleme wie Slums oder Landflucht; seit den Achtzigern sind auch Gentrifizierung und Globalisierung Schwerpunkte der Forschung.     

:lor

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