Kommentar: Pariser Anschläge: Der IS instrumentalisiert unsere Symbole und Erwartungen
Ikonographie des Schreckens

Am Freitag den 13. wurde die französische Hauptstadt zum Opfer von sechs koordinierten Anschlägen, die mehr als hundert Leben forderten. Ist dies nur ein blinder Angriff gewesen? Nein.

Die Gitarren und der Bass brummen, das Publikum rastet aus und der Sänger der Metalband heizt die Stimmung noch mehr an, während der Drummer uns mit der Double Bass, die sich wie ein Maschinengewehr anhört, den Rest gibt. Es ist Freitag der 13. und eigentlich ein guter Tag, den Redakteur Marek Firlej und ich im Helvete in Oberhausen mit einem Konzert enden ließen. Tickets für Slayer in Bochum konnten wir uns nicht leisten und an einen Ausflug nach Paris zum Konzert der Eagles of Death Metal war nicht zu denken. Es wäre ein Traum, dort  gewesen zu sein, wenn es nicht zu den Anschlägen gekommen wäre.

Ich war von den vielen Opfern schockiert und mitgenommen, insbesondere da sich rückblickend viele Gemeinsamkeiten auftaten. Gefühlt war der IS nie so nah gekommen und diese Signalwirkung war beabsichtigt.

Propaganda des IS

Dass der IS inzwischen mehr ist als eine Miliz, bringt der Artikel von Florian Flade, „Der Strategiewechsel des IS mit Ansage“, in Der Welt zum Ausdruck. Darin zeigt er die staatenähnlichen Strukturen auf, erwähnt jedoch kein Propagandaministerium.

Ein besonderes Merkmal des IS ist aber die Instrumentalisierung der Medien. Sie veröffentlichen Fotos von „Jihad-Cats“, drehen mit dem Vice-Magazin Reportagen und benutzen jetzt manipulativ unsere Symbolik. Gemeint ist damit das Instrumentalisieren des Unglückstags „Freitag der 13.“, der im Fall des IS zusätzlich auf eine historische Ebene anspielt. Ein Freitag der 13. läutete 1307 in Paris nämlich das Ende der Tempelritter ein, die an den Kreuzzügen beteiligt waren. Doch diesmal soll Frankreich mit seinem Ende konfrontiert werden, wie der IS im Bekennerschreiben andeutet: „Lasst Frankreich wissen, dass es weiter auf der Liste der Ziele des Islamischen Staates ganz oben steht, und dass der Geruch des Todes niemals mehr ihre Nasen verlassen wird, solange sie die Kreuzzügler-Kampagne anführen.“

„Wir dürfen die Flüchtlinge jetzt nicht ­darunter leiden lassen, dass sie aus den Regionen kommen, aus denen der Terror zu uns in die Welt getragen wird.“
Sigmar Gabriel

Die Anschläge haben also in dieser Interpretation eine symbolische Wirkung und spielen mit unseren Erwartungen, so wie es sonst die Werbeindustrie versucht.

Die tödlich-terroristische Image-Kampagne will uns allerdings nichts verkaufen, sondern unser Sicherheitsempfinden angreifen und einen menschenrechtsfreien Raum etablieren.

Die Lage der Flüchtlinge

Der Anschlag in Frankreich hört allerdings nicht in Paris auf, sondern geht in den Köpfen von ohnehin schon skeptischen Menschen weiter, die Flüchtlinge nicht tolerieren wollen.

Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, der am Freitag unsere Universität besuchte, brachte die nötige Einstellung in einem Kommentar nach den Anschlägen auf den Punkt: „Wir dürfen sie [die Flüchtlinge] jetzt nicht darunter leiden lassen, dass sie aus den Regionen kommen, aus denen der Terror zu uns in die Welt getragen wird.“ Und wenn wir unsere Gastfreundschaft verlieren sollten, dann glaube ich, war diese Attacke eine erfolgreiche, die unsere Werte nachhaltig verletzt. Das darf nicht passieren.

:Alexander Schneider