„O, Augenblick“ zum 100-jährigen Jubiläum des Schauspielhaus Bochum
Hommage und Farce am Schauspielhaus Bochum
Bild: Julian Röder
Entertainment statt steifer Texte: Peter Zadek sorgte für zahlreiche Diskussionen in Bochum. Er eröffnete seine erste Spielzeit als Intendant mit der Revue „Kleiner Mann – was nun“ von Hans Fallada. An dieser wird im Jubiläumsstück erinnert. Bild: Julian Röder
Entertainment statt steifer Texte: Peter Zadek sorgte für zahlreiche Diskussionen in Bochum. Er eröffnete seine erste Spielzeit als Intendant mit der Revue „Kleiner Mann – was nun“ von Hans Fallada. An dieser wird im Jubiläumsstück erinnert.

Liederabend. Zum 100-jährigen Jubiläum des Stadttheaters wurde ein Stück über die Intendanten des Hauses geschrieben. „O, Augenblick“ hatte letzten Freitag Premiere und glänzt dadurch, dass es alles nicht so ernst nimmt; und durch die Performance der Schauspieler*innen.

Am Ende wird es nostalgisch, als die Mitwirkenden des Stückes auf der Bühne sitzen und auf alle die anstoßen, die das Stück vergessen hat und die doch eine wichtige Rolle in der Geschichte des Schauspielhauses spielen: Die Maskenbildner*innen, Techniker*innen, Dramaturg*innen, Asstistent*innen…
Ja, 100 Jahre Schauspielhaus Bochum ist schon was Besonderes. Um dieses Ereignis zu würdigen, wurde der Liederabend „O, Augenblick“ von dem Dramaturgen Tobias Staab geschrieben und inszeniert.
In nicht allzu ferner Zukunft gibt es kein Bochumer Schauspielhaus und auch generell ist Theater für eine Touristinnengruppe ein Fremdwort. Dennoch wollen sie dieses historische Gebäude besichtigen. Sie begegnen einen alten Mann (Georgios Tsivanoglou), der sie auf eine Reise in die Vergangenheit nimmt. Sie schlüpfen dabei in die Rollen der verschiedenen Intendanten.
 

Eine Hommage und Farce

Eine Hommage an 100 Jahre Theatergeschichte mit originalen Kostümen, Kulissen und Materialien. Doch die Intendanten werden keineswegs positiv dargestellt. Sie sind ein Mix aus Gerüchten, Vorurteilen, Überspitzungen und Selbstdarstellungen. Nehme man den ersten Intendanten, Saladin Schmitt (Jing Xiang). Prophetisch preist er seine Zeit in Bochum an, will für sein Erschaffen des Schauspielhauses verehrt und für seine Inszenierungen auf den Rang eines Theatergottes erhoben werden. Er ist der Heilige, der Übermenschliche, der Schöpfer. Ernst kann man ihn nicht nehmen. Die Darstellungen der Intendanten sind gespickt mit historischen Informationen, aber auch mit Mythen und Überheblichkeit. Das ist auch ein Merkmal aller Intendanten – jeder scheint sich für den Besten zu halten. Und doch sind alle früher oder später gegangen. Enttäuschend ist das Ende – die letzten fünf Intendanten werden einfach übergangen. Hier scheut man sich davor, sie in den Schmutz zu ziehen. Aber warum? Ist es nicht bloß eine Farce? Niemand würde diesen Abend als dokumentarisches Theater bezeichnen. Wo das Theater eigentlich keine Grenzen kennt, werden hier welche gezogen. Auch wenn es anstrengend gewesen wäre, noch bei fünf weiteren Intendanten das zu sehen, was man schon bei den Vorherigen gesehen hat.


Frauenpower hoch Fünf

Wovon der Abend getragen wird, sind die Darsteller*innen auf der Bühne. Zum einen die Live-Musiker, die immer am Geschehen beteiligt sind, die Bühnentechniker*innen,
Ankleiderinnen und Requisiteurinnen, die die aufwendigen Kulissen und stilechten Kostüme auf der Bühne wechseln. Und nicht zuletzt die grandiosen Schauspieler*innen. Fünf Frauen und ein Mann zeigen das, was in den letzten 100 Jahren fehlt: weibliche Intendantinnen. Mit Frauenpower verdeutlichen sie, was dem Schauspielhaus entgangen ist. Beeindruckend wie Jing Xiang in bester QVC-Manier das Gebäude und vor allem den gewölbten Eisernen Vorhang anpreist und sich den ein oder anderen Spaß im Publikum erlaubt.
Eine Inszenierung, in die man sich reinsetzen und berieseln lassen kann. Die zwar keine tieferen Interpretationen bietet, man sich aber fragt: Warum wurde kein Stück über die Vergessenen gemacht und sind alle Intendanten irre?            

:Maike Grabow

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