Arbeitende halten die Statistik niedrig
Hartz IV wirkt anders als angenommen
Kein Geld in den Taschen? Forscher*innen nehmen den Arbeitsmarkt unter die Lupe.
Kein Geld in den Taschen? Forscher*innen nehmen den Arbeitsmarkt unter die Lupe.

Arbeitsmarkt. Wissenschaftler*innen der Technischen Universität Dortmund und der Universität Bonn haben die Auswirkungen der Arbeitsmarktreform unter die Lupe genommen.

Seit der Einführung der Hartz-IV-Reform vor knapp 14 Jahren hat sich die Zahl der Arbeitslosen von etwa 11 Prozent auf unter 6 Prozent fast halbiert. Ökonom*innen der TU Dortmund und der Uni Bonn ist es nun gelungen nachzuweisen, dass nicht etwa eine vermehrte Jobvermittlung, sondern vor allem die abschreckende Wirkung drohender Arbeitslosigkeit hierzu beiträgt. Bei der Forschung handle es sich nicht um eine Beurteilung der Reform selbst, betonen die Forscher*innen: „Wir bewerteten nicht, ob die Hartz IV-Reform gut oder schlecht war – wir untersuchten den Wirkmechanismus“, erklärt Prof. Moritz Kuhn vom Institut für Makroökonomik und Ökonometrie der Universität Bonn. Im Rahmen ihrer Forschung haben die Wirtschaftswissenschaftler*innen die Erwerbsverläufe von Millionen von Beschäftigten aus den Daten der Bundesagentur für Arbeit zwischen 1993 und 2014 ausgewertet und die Ergebnisse mit Hilfe eines Arbeitsmarktsimulationsmodells untersucht.

Weniger Neuarbeitslose

Ziel der Reform war es Mitte des vergangenen Jahrzehnts, mehr arbeitslose Menschen in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren, doch die Studie wirft ein anderes Licht auf die Wirkmechanismen von Hartz-IV: „Unsere empirischen Ergebnisse zeigen jedoch, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit zu 75 Prozent dadurch zu erklären ist, dass weniger Beschäftigte arbeitslos wurden“, sagt Benjamin Hartung von der Universität Bonn. Zwar sei die Chance, als Arbeitslose*r eine neue Stelle zu finden, durch die Reform gestiegen, jedoch nur um rund 10 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, sank jedoch um  ein Drittel. Besonders Gutverdienende würden durch den Wegfall der Arbeitslosenhilfe abgeschreckt werden, berichtet Prof. Philip Jung von der TU Dortmund: „Diese Gruppe war bereit, nach der Reform Lohnverzicht zu üben, um im Gegenzug Beschäftigungsgarantien zu erhalten.“ Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat sich seit der Reform kaum geändert und die Forscher*innen haben auch hierzu eine Vermutung: „Der Fokus der öffentlichen Diskussion auf Sanktionen für Arbeitslose zeigt, dass derzeit noch nicht verstanden wurde, wie die Reform am Arbeitsmarkt gewirkt hat“, vermutet Jung.            

:Justin Mantoan

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