Der Mythos der Selbstmorduni
Grauer Betonklotz Ruhr-Universität
Zeichnung: Klaus Pitter; Quelle: :bsz-Archiv
Haltung bewahren: Treibt die RUB Studis in den Freitod? Zeichnung: Klaus Pitter; Quelle: :bsz-Archiv
Haltung bewahren: Treibt die RUB Studis in den Freitod?

Viele Erstis haben schon vom ihm gehört – dem Mythos der Bochumer Selbstmorduni. Kaum jemand weiß jedoch, wie er entstand und ob er überhaupt wahr ist. Denn auch an anderen Universitäten geschehen Selbstmorde, doch nur an der RUB werden Statistiken geführt. Klar ist: Auf den ersten Blick hinterlässt die Ruhr-Uni keinen positiven Eindruck. Zu viel Grau, zu viel Beton; das bemerkte auch schon Mitte der 1970er Jahre „Die Zeit“: „Festgefroren auf der grünen Woge der Ruhrberge droht die Ruhr Universität Bochum. 13 Gebäude mit Balkons, die niemand betritt. Fenster, die niemand wäscht. Professoren, die keiner kennt. 19.600 Studenten, die niemand tröstet“ („Zeitzeichen“, WDR).

Diese Atmosphäre scheint sich auch auf die Gemüter zweier Studierender ausgewirkt zu haben, die sich 1976 an der Uni das Leben nahmen. Prompt schrieb das Magazin „Der Stern“, das den Selbstmorden einen langen Artikel widmete: „In Bochum nehmen sich die meisten Studenten das Leben. Die Zahlen liegen weit über dem Bundesdurchschnitt“ („Zeitzeichen“, WDR). Der Mythos der Selbstmorduniversität ist ­geboren.

AStA untersucht

Dass sich der Mythos etablieren konnte, ist sicherlich nicht allein der medialen Aufmerksamkeit geschuldet. Auch die Art und Weise, wie die Universitätsleitung mit der Problematik umging, trug erheblich mit dazu bei. Nach den Selbstmorden hatten sich Studierende in Zusammenarbeit mit dem damaligen AStA zu einem „Selbstmordkomitee“ zusammengeschlossen und verlangten von der Universität Zahlenmaterial zu den Selbstmorden. Noch im Mai 1977 weigerte sich die Universität, das Material herauszugeben, und so bat das Komitee die Studierenden, sich beim AStA zu melden, wenn sie Informationen über Selbstmorde bzw. Selbstmordabsichten von Studierenden hätten (siehe :bsz 168 vom 28. Mai 1977).

Reaktion der Universitätsverwaltung

Erst im Juni 1977 setzte das Rektorat eine Arbeitsgruppe „Selbstmorde der Studierenden“ ein, um Anzahl  und  Motive zu untersuchen. Die Kommission kam aufgrund fehlender Vergleichszahlen zu dem Schluss, dass die Selbstmordrate an der RUB trotz neun Selbstmorden im Jahr 1976 und 12 im Jahr 1977 nicht ungewöhnlich hoch sei („Die Sage von der SelbstmordUni“; siehe :bsz 429 vom 05. April 1994.) Dennoch wurden Maßnahmen für die Verhinderung weiterer Selbstmorde ergriffen. So wurde zum Beispiel an der RUB die bis heute aktive Beratungsstelle OASE institutionalisiert, bei der man  psychologische Unterstützung finden kann. Leider konnte auch diese Einrichtung weitere Selbstmorde nicht verhindern.

Kein Ende in Sicht und weiterer Handlungsbedarf

1994 berichteten WDR und :bsz erneut über mehrere Selbstmordfälle an der RUB. Erst sprang der Leiter der Personalabteilung MA in den Tod, ihm folgte am 18. Februar 1994 der Leiter der Münzsammlung (siehe :bsz 429). Es ist daher nicht zu verneinen, dass die Universität ein Image- und Selbstmordproblem hat. Leider weigert sich die Universität bis heute, neue Zahlen zu Selbstmorden bei Studierenden und MitarbeiterInnen zu erheben.

Selbstmord und Gesellschaft

Man kann sich den Worten des ursprünglichen :bsz- Artikels über die Selbstmorde nur anschließen: „Natürlich ist es uns klar, daß Selbstmord keine ‘individuelle Fehlleistung‘’ ist, sondern daß die Ursache in den gesellschaftlichen Bedingungen zu suchen sind, unter denen wir in dieser Gesellschaft leben und besonders an der Uni Bochum studieren.“ (:bsz 168)

:Gastautor Jan Freytag (:bsz-Archivar)

 

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