Am Wochenende startete die vierte Ausgabe des n.a.t.u.r.-Festivals
Geschrumpft und doch gewachsen
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Biosiegelkunde für AnfängerInnen: Von links nach rechts werden die Kriterien weniger streng. Foto: joop
Biosiegelkunde für AnfängerInnen: Von links nach rechts werden die Kriterien weniger streng.

Wie kommt man an einem Wochenende vom Biogemüse und fair gehandelter Kleidung über einen Workshop zu urbanem Wachstum schließlich in eine abgedrehte Theater-Performance mit Figuren aus „Alice im Wunderland“? Die Antwort ist: Man stürzt sich in das Eröffnungswochenende des n.a.t.u.r.-Festivals, das zum vierten Mal in Bochum stattfindet und bis zum 5. Oktober dauert. Hinter dem Akronym n.a.t.u.r. verbirgt sich der programmatische Festivalname „Natürliche Ästhetik trifft urbanen Raum“. Doch was ist genau darunter zu verstehen und wie passen die doch sehr unterschiedlichen Veranstaltungen ins Konzept?

Die Spurensuche beginnt Samstagmittag auf dem Buddenbergplatz. Pünktlich zum Markttag hat der Altweibersommer losgelegt, es ist sonnig und unerwartet heiß. Am Südausgang des Hauptbahnhofs versammeln sich 17 Personen zu einem Stadtrundgang der anderen Art, darunter Ricarda Thiele und Eva Wascher von der Initiative bowusst. Die insgesamt sechsköpfige Gruppe bietet regelmäßig Führungen durch Bochum an, diesmal im Rahmen des n.a.t.u.r.-Festivals, was auch den etwas größeren Andrang erklärt. Ziel dabei ist es, sich das eigene Konsumverhalten und dessen Auswirkungen bewusst zu machen, erklärt Eva: „Es geht uns darum zu zeigen, wie man es beeinflussen kann.“ Auf dem Markt liegt es nahe, bei der Ernährung anzusetzen. An seinem Marktstand erläutert der Wittener Bio-Landwirt Bert Schulze-Poll die Unterschiede des Biolandbaus zur herkömmlichen Landwirtschaft, wie beispielsweise der Einsatz natürlicher Düngemittel, die zudem aus dem eigenen Betrieb stammen. Für Leute, die sich ohnehin schon um einen bewussten Konsum bemühen – und unter den TeilnehmerInnen der Stadtführung waren das nicht wenige – gab es dabei zwar nicht viel Neues zu erfahren, aber es schaffte die perfekte Überleitung zur nächsten Station, dem Veggiehaus in der Kortumstraße, welches Schulze-Poll unter anderem mit seinen Produkten beliefert.

bowusster Konsum: Ein Buch mit sieben Siegeln

Vor dem vegetarischen und veganen Supermarkt erklärten Ricarda und Eva Konzepte wie den „virtuellen Wasserfußabdruck“ und brachten etwas Licht ins Dickicht der vielen unterschiedlichen Bio- und Ökosiegel, wobei das EU-Biosiegel als eher wirtschaftsfreundlich durchfiel. „Mit dem EU-Biosiegel könnte man sich auch hinten ins Bermudadreieck stellen“, sagte Ricarda, als sich die TeilnehmerInnen mit Schildern verschiedener Siegel nach der Strenge ihrer Kriterien aufstellen sollten.

An einer weiteren Station wurden ethische und ökologisch nachhaltige Anlagemöglichkeiten diskutiert, bevor die Stadtführung im Kleiderladen „Native Souls“ zu Ende ging, wo wiederum über verschiedene Gütesiegel informiert wurde. Auch Inhaber Daniel Schmitz legt gleichermaßen Wert auf ökologische Produktion und faire Arbeitsbedingungen bei seinen Produkten. Der gesetzliche Mindestlohn in Indien beispielsweise, den auch größere Firmen zahlten, reiche gar nicht zum Leben aus, weswegen er mit Partnern zusammenarbeitet, die das dreifache zahlen. Erwartbar, dass diese moralisch motivierte Sorgfalt sich letztlich auch in den Preisen widerspiegelt. Deswegen propagierten die Stadtführerinnen neben bewusstem Konsum auch, Ware aus zweiter Hand zu kaufen und bei Tauschpartys zu erstehen oder gleich den Kleiderschrank zu verkleinern; der Großteil der Garderobe würde nämlich gar nicht getragen. Sieht man vom verschwenderisch verteilten Infomaterial am Ende einmal ab, war der Rundgang in Sachen Nachhaltigkeit sehr lehrreich und ein guter Einstieg ins n.a.t.u.r.-Festival.

Dabei war eigentlich schon am Freitag eine andere Veranstaltung als Auftakt vorgesehen. Doch die Aktion Seed:bomb in der Grünen Schule am Lottental wurde wegen einer dortigen Baustelle kurzfristig abgesagt. „Wir hatten gehofft, dass man es noch durchziehen kann“, sagt Janwillem Huda vom Organisationsteam des Festivals. Bei der Vorbesichtigung sei der Zugang noch möglich gewesen, doch dann habe sich in der letzten Woche der Bauabschnitt direkt vor die Zufahrt geschoben.

Saat- und Erntezeit bilden Klammer

Sicher ein unglücklicher Start für ein Festival, das dazu etwas kleiner wirkt als in den Jahren zuvor. Huda bestätigt, dass n.a.t.u.r. 2014 kleiner ausfalle, andererseits verteilten sich diesmal Aktionen über das ganze Jahr. „Wir wollten nachhaltiger und mehr präsent sein. Wir wollten nicht nur für zehn Tage da sein, und die restlichen 355 nicht“, sagt Huda und nennt die Grüne Bühne am Schauspielhaus und die Guerilla Days im Frühjahr. „Wir hatten die Guerilla Days zur Pflanzzeit und jetzt das Festival zur Erntezeit, damit es eine Klammer ergibt.“

So wird es auch zum Abschluss am Schauspielhaus zum Erntedankfest eine „Schnippeldisko“ geben, bei der gemeinschaftlich Gemüse verarbeitet wird. Gleichzeitig ist das n.a.t.u.r.-Festival auch Partner der Auftaktwoche zur Klimametropole (s. S. 3). Am 3. Oktober findet daher zwischen 11 und 17 Uhr unter dem Titel VeLo ve Bochum eine etwa zwölf Kilometer lange Fahrt statt, bei der mindestens sieben von zehn Stationen per Fahrrad oder auch mit Inlinern oder Skateboard abgeklappert werden sollen; am Ende winkt dann ein Gewinn an der Rotunde. „Es geht darum, möglichst viele Leute dazu zu bringen, das Auto an diesem Tag nicht zu benutzen“, sagt  Huda. Solche niedrigschwelligen Angebote, bei denen jedeR mitmachen könne, sollten n.a.t.u.r. auch bei der Bochumer Bevölkerung bekannter machen, was bisher nicht so gut gelinge. „Es sind eher die Interessierten, Alternativen, die sich schon bewusst für Nachhaltigkeit interessieren, im Großen und Ganzen vielleicht fünf Prozent“, die man erreiche.

Ein Beispiel dafür liefert der Workshop zu „Degrowth“ am Sonntag. Soziologe Benjamin Best vom Wuppertal-Institut diskutierte mit den Workshop-TeilnehmerInnen über das Thema einer nicht mehr wachsenden oder gar schrumpfenden Stadt, doch denjenigen, die bereits Fachwissen aus Studium und privatem Engagement mitbrachten, fiel es wesentlich leichter als Neulingen, sich sinnvoll in den Workshop einzubringen. Neben genereller Kritik an der Wachstumsfixierung des kapitalistischen Systems wurden auch Best- und Worst-case-Szenarien bei Mobilität, Wohlstand und gesellschaftlichem Zusammenhalt ausgemalt, doch im Großen und Ganzen war der Praxisbezug geringer als beispielsweise beim Stadtrundgang.

Hutmacher in der Pantoffelfabrik

Wie man in einer schrumpfenden Stadt Leerstände kreativ nutzen kann, zeigte am Sonntagabend die Theaterperformance teeparty – Poesien in Dosen in der Alten Pantoffelfabrik. Figuren aus Lewis Carolls Alice im Wunderland führten das Publikum durch abwechslungsreich gestaltete Szenen und lasen Texte sowohl von Caroll als auch vom polnischen Autoren Kzrisztof Gruse. Verrückter Hutmacher und Grinsekatze, Märzhase und Schlafmaus wirkten dabei auf das Publikum ähnlich verstörend wie wohl im Original auf Alice. Einzig die beliebig ans Publikum verteilten „Beweise“ – zum Beispiel eine Teetasse, Plastiktiere und -blümchen – banden die Collage zusammen; doch auch der Sinn der Pfände selbst erschloss sich erst im finalen Gesellschaftsspiel bei der Teeparty der Herzkönigin. Am 4. und 5. Oktober können Interessierte noch an der Performance teilnehmen.

Zusätzliche Informationen gibt es unter: www.festival-natur.de und www.bowusst.de.

:Johannes Opfermann

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Teeparty in der Pantoffelfabrik: Der verrückte Hutmacher erklärt die Spielregeln. Foto: joop
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