Beim Rundlauf 2015 kommt die Kunst frei Haus: Privatwohnungen werden zu Spielorten für über 40 KünstlerInnen
Festival trifft Intimsphäre
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Wenn der Rundlauf 2015 mit 65 Beteiligten das größte Organisationsteam aller Zeiten hat, ist doch die Rundlauf-WG – Julia Nitschke, Guy Dermosessian, Samira Yildirim – das Herz des Festivals. Foto: joop
Wenn der Rundlauf 2015 mit 65 Beteiligten das größte Organisationsteam aller Zeiten hat, ist doch die Rundlauf-WG – Julia Nitschke, Guy Dermosessian, Samira Yildirim – das Herz des Festivals.

Stellt Euch vor: KünstlerInnen fragen, ob sie in Eurer Wohnung eine Kunstinstallation aufbauen, im Wohnzimmer Performance Art aufführen oder auf dem alten Fernseher ihr Videoprojekt zeigen können. „Na klar“, denkt Ihr. Nachdem sie dann samt Kunst eingezogen sind, gehen wenige Tage später Wildfremde bei Euch ein und aus, um die Werke zu bestaunen. So ähnlich wird es sich am 13. Juni beim Rundlauf abspielen, in der bislang wohl intensivsten und intimsten Auflage des Kunstfestivals.

„Es ist immer eine Mischung aus Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeiten und mit Orten, die öffentlich nicht so wahrgenommen werden“, sagt Guy Dermosessian über die Grundidee hinter dem Rundlauf, den es seit 2010 unter diesem Namen gibt. Guy und seine Mitbewohnerinnen Samira Yildirim und Julia Nitschke bilden die Rundlauf-WG und das Orga-Team des Festivals, das nun im dritten Jahr in der Speckschweiz gastiert, dem Viertel westlich des Bergbaumuseums zwischen Dorstener, Herner und Feldsieper Straße. Ein zentraler Spielort der Vorjahre, der Hochbunker an der Haldenstraße, ist jedoch nicht dabei.

„Wir wollten dieses Jahr neue Facetten der Speckschweiz zeigen. Wir wollten Menschen näherkommen, die das Festival bisher mit uns gemacht haben“, sagt Guy. Das heißt, die Kunst kommt dieses Jahr frei Haus. Zu den Spielorten gehören zwar auch das Soziale Zentrum, eine Trinkhalle und Ateliers, aber im Wesentlichen spielt sich der Rundlauf 2015 nicht in öffentlichen, sondern in Privaträumen ab, in 18 Wohnungen. Die Rundlauf-WG geht mit gutem Beispiel voran und stellt sich als Spielort zur Verfügung. Sie sieht sich dabei nur als Teil des laut Guy „größten Organisationsteams aller Zeiten“, zu dem auch die KünstlerInnen und ihre privaten GastgeberInnen zählen, die die jeweiligen Gastspiele eigenverantwortlich organisierten und so das Kernteam entlasteten.

Die Speckschweiz ist überall

Nach negativen Erfahrungen aus dem Vorjahr – nicht eingehaltene Förderzusagen, daraus resultierende Schulden – musste die Rundlauf-WG ohnehin erst dazu bewegt werden, noch einmal einen Rundlauf zu organisieren. Doch nach dem ersten Facebook-Aufruf war die Resonanz überwältigend, sowohl von KünstlerInnen, die ihre Werke zeigen, als auch von Leuten, die ihre Wohnungen zur Verfügung stellen wollten. „Ich bin immer noch ein bisschen schockiert, dass es so viele waren“, sagt Julia. Samira ergänzt: „Es ist so schön, dass Leute auf uns zu gekommen sind und gesagt haben: ‚Ich hab Bock drauf, dies und jenes zu machen, habt ihr’n Ort?‘“

Dabei wurde teilweise ausgehandelt, wo eigentlich die Speckschweiz liegt, sodass diese letztlich in den Kortländer Kiez hinein expandierte, erzählt Samira. Sogar in der Bongardstraße ist eine Spielort-Exklave. „Wir haben endlich geschafft, was wir alle wollen, nämlich Grenzen sprengen“, freut sich Julia. Auch die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Intimsphäre verwischen, wenn die eigenen vier Wände zur Galerie werden.

Viel Programm in wenig Zeit

Insgesamt zeigen 43 KünstlerInnen und Kollektive ihre Werke. Neben dem Ruhrgebiet und anderen Teilen Deutschlands sind auch Gäste aus Belgien und der Türkei vertreten, die von Julia und Samira kuratiert werden.

Samira freut sich besonders auf die Istanbuler Performancekünstlerin Burçak Konukman, die in die Rolle von Varoufakis schlüpft. „Man betritt einen Privatraum, und dann sitzt er am Küchentisch, um eine Art Krisengespräch mit den jeweiligen Besuchern zu führen.“ Unter den belgischen Gäste sei die Arbeit von Meggy Rustamova, die anhand von nicht zusammenhängenden Fotos Geschichten erzählt, sinnbildlich für den gesamten Rundlauf, meint Julia: „Man betritt so viele Räume, so viele private Wohnungen, das macht etwas mit uns.“

Schade ist nur, dass BesucherInnen dieses intensive, weil nur auf einen Tag verdichtete Festival kaum in seiner ganzen Breite werden erleben können. Das Programm reicht für mehrere Tage.

:Johannes Opfermann

Alles über den Rundlauf am Samstag, 13. Juni, findet ihr unter: issuu.com/rundlaufbochum