:bsz-Mitbegründer Ulrich Dröge erzählt von den Anfangstagen der Zeitung
Für die Ewigkeit war Es nicht geplant
Quelle: Universitätsarchiv Bochum, Dep. Staatl. Bauamt Bochum 02, Nr. 67.0140 (© Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW)
Anständige Studierende: In der 60er Jahren ging man noch mit Anzug und Krawatte in die Universität. Quelle: Universitätsarchiv Bochum, Dep. Staatl. Bauamt Bochum 02, Nr. 67.0140 (© Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW)
Anständige Studierende: In der 60er Jahren ging man noch mit Anzug und Krawatte in die Universität.

Was mich immer wieder erstaunt: Dass so viele Generationen von journalistisch interessierten Studierenden motiviert waren – und noch immer motiviert sind –, die :bsz am Leben zu erhalten.

Ein Konzept mit Ewigkeitsgarantie hatten wir, die GründerInnen und redaktionell Verantwortlichen von 1967/68, nicht vorlegen wollen. Dem damals neugewählten „Vorstand“ der Studierendenschaft (der Begriff AStA kam erst später zu Ehren) war nur eines klar: Er brauchte ein publizistisches Organ, um für seine Existenz und seine Pläne zu werben; die Studierenden, ihr Parlament und die Fachschaften brauchten ebenfalls eine Plattform, um Meinungen und Vorschläge breiter öffentlich zu machen.

Unbekümmert und ein bisschen unlogisch sagten wir uns: „Was die BILD-Zeitung kann, können wir auch.“ Fette Schlagzeilen, ein bisschen Klatsch & Tratsch, einen interessanten Themen-Mix vom Campus Bochum-Querenburg mit Blick auf den Ruhrpott und „die Welt da draußen“ (unterhalb und oberhalb des Hustadt-Viertels). Das Produkt BILD aus dem Axel-Springer-Verlag war ja keineswegs unser Freund und wir – die aktuelle akademische Nachwuchs-Generation – hatten keine Sympathien bei den RedakteurInnen und der LeserInnenschaft des Blattes. Ich selbst, wie viele andere, machte später heftig mit bei der legendären Kampagne „Enteignet Springer“.

Aber fürs erste in der Gründungsphase – angeführt von Roland Ermrich, Hendrik Bussiek und mir sowie einigen wenigen anderen UnterstützerInnen – galt das Prinzip: Unsere BSZ sollte im Boulevard-Format den Campus aufmischen. Der bestand aus ein paar Betonbauten, also den ersten Instituts-, Vorlesungs-, Seminar- und Büroräumlichkeiten, einem großen Parkplatz, dem zentralen Mensa- und Veranstaltungsflachbau sowie den „Baracken“, in denen das Studierendenwerk, die studentische Krankenkasse und die Büros der Studierendenvertretung provisorisch untergebracht waren. Wie eine Piazza wirkte das gepflasterte Vorfeld. Die Aktiven trafen sich dort und beschimpften sich auch mal gelegentlich, wenn Sitzungen des Parlaments oder gar Wahlen anstanden.

Nachdem die Frage des Formats geklärt war, ging es darum, eine Druckerei zu finden und Geld aufzutreiben, um das Projekt zu finanzieren. Mit Christine Schipplik, einer Angestellten im ArchitektInnen-Team, gewann das oben genannte Trio das entscheidende vierte Kleeblatt hinzu. Denn Christine war eine tüchtige, charmante und clevere junge Frau, die es verstand, kommerzielle Anzeigen zu akquirieren. So brauchte die BSZ niemals Gelder aus öffentlichen Töpfen. Wir BlattmacherInnen erhielten keine Honorare, versteht sich. Und nur so funktionierte es.

Die Aufgabe, die Zeitung inhaltlich zu gestalten und ständig neu zu generieren, fiel mir wie selbstverständlich zu. Denn ich hatte zuvor an der Universität Göttingen bei der Zeitschrift „Politikon“ (im Heftformat) mitgewirkt und einige Monate Zeitungserfahrung nach dem Abitur 1964 in einem Bielefelder Verlag gesammelt. Daher wusste ich, was es bedeutet, täglich „gegen die Uhr“ zu schreiben – stets mit dem Blick auf die Stunde des Redaktionsschlusses und des Andrucks.

Als sich unter Mitgliedern auswärtiger ASten das Bochumer Konzept herumgesprochen hatte, gab es Versuche, es zu kopieren. So erinnere ich mich, einmal eine MSZ in der Hand gehalten zu haben – die „Marburger Studentenzeitung“. Doch allein das Bochumer Modell blieb erstaunlich zählebig.

Was gibt es sonst zu erzählen? Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin (West) durch den Pistolenschuss eines zunächst Unbekannten (der später als Polizist entlarvt wurde) während der Demonstrationen gegen den Besuch des Schahs von Persien hatte auch uns in Bochum aufgewühlt. Die „Studentenbewegung“, auch unter dem Sammelbegriff APO – als Kürzel für „Außerparlamentarische Opposition“ – trat in diesen Junitagen in die Geschichte. Deren Rituale – Go-ins, Sit-ins, Happenings – waren bald auch an der Ruhr-Universität Protestformen. Teilweise herrschte in der Stadtbevölkerung sogar etwas wie klammheimliche Bewunderung für die Aufsässigen.

Wir konnten es erleben, als ebenfalls 1967 die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn-AG (Bogestra) eine Fahrpreiserhöhung ankündigte. Dagegen stellten wir mit Hilfe der BSZ eine Streik- und Blockade-Aktion gegen die Bogestra auf die Beine. Wir wollten, dass die Straßenbahnen leer fuhren, somit kein Geld in die Kassen kam. Wir wollten die AutofahrerInnen bitten, morgens Studierende an den Trassen zum Campus mitzunehmen und abends wieder in die Stadt zu fahren. Eine organisierte Mit- und Beifahreraktion also.

Ein Symbol dafür war ein quadratischer weißer aufklebbarer Zettel mit einem fetten roten Punkt als Erkennungszeichen. Die Druckerei hatte zufällig mehrere Tausend Zettel vorrätig, schnell waren die Punkte darauf gedruckt. So wurde die „Rote-Punkt-Aktion“ erfunden, die in vielen anderen Städten nachgeahmt wurde und bis heute legendär ist, weil fast jedeR sie kennt oder mal davon gehört hat.

Sie hatte auch ein gerichtliches Nachspiel. Ein mutiger junger Bochumer Amtsrichter entdeckte einen „wunden Punkt“ in der Straßenverkehrsordnung. Die Straße gehöre nicht der Bogestra. Deshalb sei das Demonstrieren und Blockieren von Schienen keine Nötigung, befand der Richter in schwarzer Robe. Ein schwarz-roter Doppelpunkt, made in Bochum.

Viel Glück und Erfolg weiterhin!

:Gastautor Ulrich Dröge

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