Zehn Tage lang gefordert – Sommercamp der Moskauer Bildungsgewerkschaften
EineR für Alle und Alle für EineN
Foto: Maria Zamanova
Hingabe und Vorbereitung: Innerhalb kürzester Zeit koordinieren die Mannschaften atemberaubende Performances. Das Ergebnis klarer Arbeitsteilung. Foto: Maria Zamanova
Hingabe und Vorbereitung: Innerhalb kürzester Zeit koordinieren die Mannschaften atemberaubende Performances. Das Ergebnis klarer Arbeitsteilung.

Erfahrungsbericht. Vom 10. bis 20. Juli fand das Sommercamp der Moskauer Bildungsgewerkschaften (MB) statt und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft NRW durfte einen Delegierten entsenden – :bsz-Redakteur Marcus Boxler. 

Der Blick verliert sich im blau getönten Farbspektrum des Himmels – von Azur bis Indigo. Den vorderen Bereich der Szenerie bedeckt ein türkisfarbenes Laken; es ist das Schwarze Meer. Mit ermüdeten Schritten verlasse ich das Flugzeug und atme auf 35 Grad erwärmte Luft ein. Die Sonne strahlt und zaubert den ankommenden Passagieren Lächeln auf die Gesichter, als würden sie das Sonnenlicht wie Lebenskraft über ihre Poren empfangen. Mittendrin: eine unscheinbare Gestalt; das über den Hals hängende Portemonnaie und das zerknitterte Hawaii-Hemd enttarnen den deutschen Touri. Auf seiner schriftlichen Einladung stehen die Buchstaben: МГО. Dieses Kürzel bezeichnet Organisationen, die der Verwaltung Moskaus unterstehen. Sein Ziel: Das Sommercamp der MB „zur individuellen Weiterentwicklung und Professionalisierung der Bildungsarbeit junger PädagogInnen und LehrerInnen und Anhebung des Lehrniveaus“.

Ein Sommercamp?

Die malerischen Landschaften Anapas und Noworosijsks, direkt am Schwarzen Meer gelegen, stellten die Kulisse für das jährlich stattfindende Sommercamp der Moskauer Bildungsgewerkschaften. „Das Bildungssystem in ganz Russland ist unterschiedlich und sehr durchwachsen“, erklärte mir Tatiana Valerjewna Plotnikowa, die stellvertretende Vorsitzende der MB, bei meiner Ankunft. Träge von der Hitze und mitgenommen von der Reise, las sie die Müdigkeit aus meinem Gesicht. „Aber sicher wollen Sie erst einmal duschen. Das Seminar geht erst in fünf Minuten los“, sagte sie lächelnd und verließ das Zimmer, um vor meiner Tür zu warten. Was ich anfangs für einen Witz hielt, entpuppte sich sofort als minutiös getaktete Realität, denn an diesen zehn Tagen wurde keine Sekunde vertrödelt. Nach zweiminütiger Dusche und dreiminütiger Akklimatisierung begleitete mich Tatiana Valerjewna zum Seminar: „Die Moskauer Bildung gilt als im gesamten Land unvergleichlich. Der Anspruch ist sehr hoch und das Bildungsniveau wird an international elitären Standards gemessen.“ Wir näherten uns einer gigantischen Blechverkleidung, hinter deren Wänden Stimmen zu hören waren. „Lehrer und Pädagogen genießen hohes gesellschaftliches Ansehen und gelten neben Ärzten als die wichtigsten Arbeiter des Landes. Auch wenn die Bezahlung da etwas Anderes erzählt“, lachte die Bildungsgewerkschafterin. In der Blechhalle erwartete mich ein unvorhersehbarer Anblick: unzählige Reihen junger LehrerInnen und PädagogInnen, sortiert nach uniformen T-Shirts, um die Zugehörigkeit zur ihrer Mannschaft zu kennzeichnen.

Das Erbe des Sozialismus?

Teilnehmen darf nicht jedeR Hinz und Kunz. Zugelassen werden die ambitioniertesten LehrerInnen Moskaus, die Bestrebungen nachgehen, in das Direktorium ihrer Schule oder in das Bildungsministerium aufzusteigen. Nach sorgfältiger Prüfung der Bewerbungen folgen die Zulassungen. Die jungen BildungsgewerkschafterInnen werden Mannschaften zugeordnet, die sich nach der geografischen Lage der Schulen innerhalb Moskaus orientieren: CAO für den nördlichen Bezirk, BAO für den östlichen, ЮЗАО für den südwestlichen, und so weiter. Jede Mannschaft hat eine Leitperson, die die Kommunikation zwischen den TeilnehmerInnen und der Administration koordiniert. Aus jeder Mannschaft wird außerdem ein „Kommissar“ gewählt. Die KommissarInnen wechseln täglich die Mannschaften und sollen motivieren, helfen und betreuen: eine Art rotierendes Aufsichtssystem. Zwischen den Mannschaften herrscht freundschaftliche Konkurrenz, die Profilbildung und Stärkung des Gemeinschaftswillens fördern sollen. Das Sommerlager dient den jungen LehrerInnen und PädagogInnen zur individuellen Weiterbildung, Vernetzung und der persönlichen Charakterstärkung, denn nebst schöner Umgebung und verlockender Lage, ist das Camp vor allem eins: fordernd.

Ein Tag im Sommercamp

Der Tag begann mit „freiwilliger“ gymnastischer Erwärmung um 8:30 Uhr. Obschon die morgendlichen Übungen als freiwillig proklamiert wurden, steigt der motivationale Druck, wenn von 150 TeilnehmerInnen fast jeden Morgen 100 Menschen zusammenkommen, um gymnastisch in den Tag zu starten. Um 9 Uhr beginnt die Tagesplanung in den jeweiligen Mannschaften, denn viele Tagesaktionen bedürfen koordinierter Planung. Plenartreffen am Meer. Von 10 bis 10:30 Uhr ist Zeit für das Frühstück, doch an diesem speziellen Tag wird jede Minute gespart, um sich für die abendliche Veranstaltung vorzubereiten: Cтартин (Star-Teen). Das стартин ist eine Tradition, die in allen russischen Jugendorganisationen und -verbänden weitergetragen wird. Es handelt sich dabei um eine Art zweistufiges Dance-Battle. Im ersten Teil müssen die gewählten TänzerInnen der Mannschaft eine 1,5-minütige Performance aufführen, die sie im Verlauf des Tages vorbereitet haben. Im zweiten Teil treten die Mannschaften parallel zueinander an und müssen 1,5 Stunden in ihrer Formation tanzen. Die vorderste Person jeder Formation gibt die Bewegungen vor und der Rest tanzt nach. Wie jede Mannschaft wechselt, ist ihr selbst überlassen. Wer nicht tanzt, liegt jedoch nicht auf der faulen Haut, sondern wird dem Anfeuerungsteam zugeordnet. Und hier herrscht klare Arbeitsteilung: zwei Menschen für die Wasserversorgung während des Dance-Battles, zwei zur Gestaltung der Plakate, zwei für die Kostüme – „und während des стартин feuert ihr die TänzerInnen an, als würde euer Leben davon abhängen“, heißt es scherzhaft im Vorhinein.

Um 11 Uhr finden jedoch erst einmal die „Master classes“ der KandidatInnen für die Auszeichnung „LehrerIn des Jahres“ statt. „Die Auszeichnung wird vom russischen Bildungsministerium verliehen und gleicht einem Ritterschlag“, erklärt der Leiter von CAO, Andrey Chugunov. „Die Präsentationen sollen fachspezifisch, aber interdisziplinär sein. So konzipiert, dass alle etwas davon mitnehmen können.“ Aus dieser Idee resultierend beweist ein Seminarvortrag, dass die Tempusformen im Englischen geometrischen Formeln folgen und so vorausgesagt werden können. Nützlich für SchülerInnen, die zwar Stärken in Mathematik haben, aber keinen Zugang zu Sprachen. Um 13:30 Uhr endend, treffen sich um 13:35 Uhr die Planenden für den „gewerkschaftlichen Quest“, einer weiteren Tradition für alle, die zum ersten Mal im Sommercamp sind. Parallel dazu treffen sich die SoziologInnen und PsychologInnen, die aus allen Teams gewählt wurden, um separate Seminarblöcke und pädagogische Trainings vorzubereiten. Außerdem trifft sich parallel dazu das Pressezentrum, das sich ebenfalls aus TeilnehmerInnen des Camps zusammensetzt und jeden Tag eine Wandzeitung gestaltet sowie einen Film zusammenschneidet, die das tägliche Geschehen zusammenfassen. Von 14 bis 14:30 Uhr ist kurz Zeit für Mittagessen, aber die Zeit wird knapp, denn die einzelnen Organisationsstrukturen müssen ihre Sitzungen vorbereiten und die Mannschaften müssen sich für ihr стартин eingrooven! Um 14:45 Uhr folgt das obligatorische Training der PsychologInnen: „Wie »überlebe« ich das Elterngespräch?“

Um 17:30 Uhr beginnt das Seminar zum richtigen Umgang mit digitalen Medien im Unterricht – genug Zeit, um zwischen den Seminarblöcken noch die Tanzperformance durchzugehen. Abendessen von 19 bis 19:30 Uhr. Es folgen die letzten 30 Minuten zur Kostümierung, Feinjustierung und mentalen Vorbereitung. 20 Uhr – стартин. Nach einem schweißtreibenden Tag wie diesem blicke ich auf zwei mich erwartende Stunden der härtesten körperlichen Ertüchtigung, während die Hitze mit 33 Grad auf unsere Gemüter drückt. Die ersten Takte klingen, unsere Frontperson zählt an. Während des zweiten Teils nehme ich erstmals meine Umgebung wahr und vergegenwärtige dieses Moment der symbiotischen Arbeitsteilung: Die Frontperson gibt Bewegungen vor, die der Rest der Mannschaft in beinahe manischem Gehorsam ausführt, die Anstrengung unterdrückend, um dem gemeinsamen Ziel zu dienen. Um uns herum rotiert das Anfeuerungsteam, fächert uns Luft zu mit Handtüchern, Wasserbecher gehen reihum und die Zurufe und Motivationsparolen dringen ganz klar durch das Gewirr der koordinierenden Schreie der anderen Mannschaften. JedeR weiß, was zu tun ist. Aus einem Mikrofon ertönen Vorgaben, die die einzelnen Mannschaften ausführen müssen: „Zeigt mir eure komischsten Bewegungen. Eure ekligsten. Eure stinkigsten. Eure 70er-Jahre-mäßigsten …“ Gewonnen wurde das стартин, indem die KommissarInnen Punkte verliehen haben für Originalität, Ausführung, Synchronizität und Teamspirit und -zusammenhalt.

Diese Epiphanie war ein Moment der Hingabe. De-Subjektivierung zur Erreichung eines kollektiven Ziels in einem koordinierten System, in dem die Aufgaben so klar zugeordnet waren, dass während der Ausführung – während des Sturms – keine Fragen aufkamen, sondern einfach gemacht wurde. Das ist der Stoff, aus dem Revolutionen, aber auch Autokratien geboren werden.

Von- und miteinander lernen

Die beispielhafte Arbeitsteilung während des стартин trug sich weiter über die Tagesplanungen des gesamten Zeitraumes. Darin sehe ich persönlich die größte Überraschung dieses zehntätigen Aufenthalts: Die Motivation und Hingabe, mit der diese jungen LehrerInnen und PädagogInnen ihrem Bildungsauftrag nachgehen, wiegt sich in Humor und Selbstironie auf. Denn so ernsthaft sie dem Willen zur Weiterbildung nachgehen und so mühevoll sie Aktionen, die zur allgemeinen Unterhaltung dienen, vorbereiten – so ausgelassen können alle über sich selbst lachen, wenn 150 ambitionierte BildungsgewerkschafterInnen, die bestrebt sind, in das Direktorium ihrer Schulen oder ins Ministerium aufzusteigen, gleichzeitig ihre komischsten, ekligsten oder 70er-Jahre-mäßigsten Dance-Moves auspacken.

Das, was ich an dieser Stelle als Mentalität bezeichnen würde, ist das Schönste, was ich von diesem Sommercamp mitnehme. Das Lehrreichste, das ich mitnehme, ist der bildungspolitische und gewerkschaftliche Wert. Die Moskauer Bildungsgewerkschaften gehen ähnlich in Tarifverhandlungen vor und handeln vergleichbare Konditionen und Rahmenbedingungen aus, die an das Steuer- und Versicherungssystem Russlands angepasst sind. Das Bildungssystem ist gänzlich anders strukturiert, die SchülerInnen werden nach der vierten Klasse nicht geteilt, jedoch gibt es vergleichbare Abschlüsse und technische Lehren.

Die Probleme sind dieselben: Am Ende fehlt das Geld. Sanierfällige Schulen, Sporthallen müssen während der Unterrichtsstunde durch Parallelbelegungen geteilt werden, zu wenig Personal resultiert darin, dass manche LehrerInnen bis zu 37 (!) Schulstunden unterrichten müssen, dazu kommen individuelle Vor- und Nachbereitung. Gleichzeitig sollen junge PädagogInnen die aktuellen Trends wie Inklusion und Industrie 4.0 berücksichtigen, ihren Unterricht multimedial gestalten und an jedes Kind individuell anpassen.

Dieses Sommercamp bietet eine nachhaltige Plattform, um junge BildungsarbeiterInnen zusammenzuführen und sich über die gängigen, selbst ausgewählten Probleme und Lösungsansätze austauschen zu lassen.

In Zeiten globalisierter Wirtschaft und Politik ist internationale Vernetzung das letzte Mittel, um oktroyierten Erlassen oder Gesetzesentwürfen entgegenzuwirken. Sowie der Solidaritätsgedanke innerhalb der Gewerkschaft nicht an Wert verlor, gilt auch auf struktureller Ebene und über die nationalen Grenzen hinaus: EineR für Alle und Alle für EineN.

:Marcus Boxler