Essay: Ob Köln, Istanbul oder Frankfurt – der Feminismus demonstrierte
Eindrücke zum Weltfrauentag
Historisches Plakat 1914
Auch lange nach dem Wahlrecht: Der Weltfrauentag bleibt wichtig und spannend. Historisches Plakat 1914.
Auch lange nach dem Wahlrecht: Der Weltfrauentag bleibt wichtig und spannend .

Sexualisierte Gewalt ist seit der Kölner Silvesternacht ein Dauerthema. Vergangenen Samstag demonstrierten nun etwa 4.000 Menschen in Köln – gegen Sexismus und gegen die fremdenfeindliche Instrumentalisierung der Geschehnisse. Anlass der linken feministischen Demonstration war der vorausgegangene Weltfrauentag am 8. März. Auch andernorts wurde um jenes internationale Datum herum für Frauenrechte demonstriert. In der Türkei stellten sich mutige Frauen trotz Polizeigewalt gleich zweimal gegen das autoritäre Regime.

Hierzulande gibt es zwei mögliche Haupthindernisse für die erfolgreiche öffentliche Darstellung feministischer Anliegen: die allgemeine gesellschaftliche Ignoranz sowie die inhaltliche Zerstrittenheit des westlichen Feminismus, die sich bei Themen wie Kopftuch oder Prostitution äußert. Die Polizei zeigt bei größeren Demonstrationen zwar gerne übermäßige Präsenz, wie auch am Samstag in Köln, doch bleibt die Versammlungsfreiheit dabei grundsätzlich bestehen. Anders dagegen in der Türkei: Eine am 6. März in Istanbul geplante Demonstration für Frauenrechte war „aus Sicherheitsgründen“ verboten worden. Als sich dennoch hunderte Frauen versammelten, setzte die Polizei Gummigeschosse und Tränengas gegen die Demonstrierenden ein.

Neo-osmanische Mutterideologie

Auch die zwei Tage später folgende Demonstration am Weltfrauentag wurde verboten. Doch diesmal kamen tausende Frauen – und die bereitstehende Polizei ließ sie notgedrungen protestieren. Anlass des feministischen Protestes war die in der Türkei noch immer extrem häufig gegen Frauen ausgeübte Gewalt, sowohl generell als auch speziell in sexualisierter Form. Zudem richteten sich die Demonstrantinnen und ihre männlichen Unterstützer gegen das reaktionäre Frauenbild von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Verhütungsmittel und Abtreibungsrecht als Übel betrachtet und von jeder Frau erwartet, die Mutter von mindestens drei Kindern zu werden.

Erwähnenswert ist, dass in Istanbul neben westlich oder alternativ gestylten Frauen, Lesben und Transsexuellen auch Frauen mit Kopftuch und Mantel zu den feministisch Demonstrierenden gehörten. Für Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer ist das Kopftuch jedoch pauschal die „Flagge der Islamisten“ und überhaupt eines ihrer jahrzehntelangen Feindbilder, neben Pornographie und Prostitution.

Apropos Sexarbeit: Wegen jenem polarisierenden Thema kam es beim Weltfrauentag in Frankfurt am Main zum Konflikt innerhalb des feministischen Spektrums. ProstitutionsgegnerInnen richteten sich im Vorfeld gegen die Teilnahme der örtlichen Prostituiertenorganisation Doña Carmen e. V. an der Demonstration, was zur Spaltung des Aktionsbündnisses und zu zwei unterschiedlichen Auftaktkundgebungen führte. Beim späteren Aufeinandertreffen der Lager setzten sich die Sexarbeiterinnen dank ihrer UnterstützerInnen allerdings lautstark durch. 

Damals und heute

Ursprünglich war der vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Weltfrauentag ja vor allem mit dem Kampf für das Frauenwahlrecht verbunden. Doch während wählende Frauen heute fast überall auf der Welt zur Normalität gehören, ist gesellschaftlicher Sexismus auch im Westen noch keineswegs überwunden. In diesem Jahr hat sich bereits wieder vielfach gezeigt, wie wichtig Feminismus noch immer ist. Zugleich sollte klar (geworden) sein, dass es insgesamt nicht „den Feminismus“ gibt – sondern dass bei manchen Themen mögliche Problemlösungen und Problemvergrößerungen mitunter beide als feministisch firmieren.

:Gastautor Patrick Henkelmann

 

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