Filmrezension zu "Der junge Karl Marx" (2017)
Ein Flaschengeist im Biopic-Format
Filmplakat: Neue Visionen Filmverleih
Premiere bei der Berlinale: "Der junge Karl Marx" setzt im Jahr 1843 an und erzählt die Geschichte der entstehenden Freundschaft von Marx und Engels.
Premiere bei der Berlinale: "Der junge Karl Marx" setzt im Jahr 1843 an und erzählt die Geschichte der entstehenden Freundschaft von Marx und Engels.

Die Synthese ist das, worauf es in der marxistischen Theorie hinausläuft. Das Repertoire aus der Philosophie Hegels: These, Antithese und dann dieser Sprung, der alles in ein neues Licht rückt, eine neue, spannende Perspektive gibt. Wenn man so will, spielt diese Synthese auch die heimliche Hauptrolle im Film „Der junge Karl Marx“. Aber keine Glückliche. Denn immer wieder flammt im Historienfilm von Raoul Peck Hoffnung auf, dass es gelingt, die Ansichten, das Leben dieses rebellischen Geistes als spannendes Kino zu verpacken. Doch es geht nicht auf.

Der Film, der seine Weltpremiere auf der letzten Berlinale feierte, setzt im Jahr 1843 an: Es herrscht Zensur und Repression. Als einer der radikalen Intellektuellen wird auch Karl Marx, damals noch junger Journalist der Rheinischen Zeitung, ins Exil getrieben. Regisseur Raoul Peck spannt den Bogen bis zur Verfassung des „Kommunistischen Manifestes“ im Revolutionsjahr 1848. Dazwischen erzählt er vom Beginn der tiefen Freundschaft zwischen Marx und dem jungen Fabrikantensohn Friedrich Engels (Stefan Konarske), der in seinem Buch bereits die soziale Lage der englischen Arbeiterklasse schilderte. Beide versuchen nicht nur mit ihren Werken, ein gesellschaftskritisches Projekt anzustoßen, sondern beteiligen sich auch am Aufbau des damaligen „Bundes der Gerechten“, dem späteren „Bund der Kommunisten“. Daneben geht es auch um Marx’ Erfahrungen im Exil oder den Existenzkampf, von dem Frau (Vicky Krieps) und Kinder betroffen sind.

„Der junge Karl Marx“ versucht, auf der Erfolgswelle der jüngsten Flut an Biopics zu reiten, die von „Walk the Line“ über Country-Ikone Johnny Cash bis zu „Die Eiserne Lady“ über die Schutzheilige des Neoliberalismus Margaret Thatcher regelrecht wie am Fließband produziert wurden. Doch der Autor des „Kommunistischen Manifestes“ erscheint dagegen als eine unglückliche Filmfigur für dieses Format.

Hassliebe: Marx und die „Kinofizierung“

Denn die Frage stellt sich durchaus: Wie sehr bietet Marx’ Biographie überhaupt Anknüpfungspunkte für einen spannenden Kinoabend? Zu nennen wären die jungen wilden Jahre in Burschenschaften, die von Saufgelagen und Duellen geprägt waren, die erfahrene Zensur und Vertreibung im reaktionären Metternich-System, aber auch die politischen Bemühungen, auf theoretischer wie praktischer Ebene. Und das sind schon die spannendsten Szenen: Die hartnäckigen und knallharten Debatten in abgedunkelten und verrauchten Räumen – über Fragen des „revolutionären Subjekts“, der politischen Theorie oder der Geschichtsauffassung. So treten auch Marx’ frühe Weggefährten und Rivalen auf, die Proudhons, Weitlings und Bakunins (die Hippies und Anarchos des 19. Jahrhunderts), sie alle erscheinen als niedliche, stichwortgebende Filmfiguren, um schließlich von Marx’ scharfsinnigen Ausführungen regelrecht verschluckt zu werden. Ja, „Der junge Karl Marx“ erinnert zuweilen an den Sozialistischen Realismus.

Doch Marx und der Film, das war in der Geschichte schon immer so etwas wie eine Hassliebe. Irgendetwas will da immer zusammenkommen und am Ende geht es nicht auf. Dabei hatten die Ideen von Marx großen Einfluss auf das Kino, etwa in den kritischen Filmen der Nachkriegszeit von Godard bis Pasolini; oder im russischen Revolutionskino, bei Vertov oder Eisenstein. Letzterer hatte sich in den 1920ern sogar an Marx’ Hauptwerk gewagt: Das „Kapital“ zu „kinofizieren“, lautete das ambitionierte Ziel, an dem der russische Avantgarde-Filmer epochal scheiterte. Alexander Kluge hat darüber mit „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ später einen zehnstündigen Filmessay gemacht, in dem von Joyce bis Ovid alles auf die Leinwand geschmissen wird, was das bildungsbürgerliche Arsenal zu bieten hat. Die „Kinofizierung“ von Marx, diese spektakuläre Synthese aus politischer Theorie und Film, war bisher immer eine Agenda von intellektuellen RegisseurInnen.

Hölzerne Dialoge

Nun hat sich Raoul Peck daran gemacht, Marx’ Leben als spannende Abendunterhaltung zu verpacken. Anstrengende Reflexionen oder aktuelle Kapitalismuskritik bleiben aus. Nur zum Ende hin rettet der Film Marx’ Gedanken in die Gegenwart, so werden vor dem Abspann Bilder von Protesten, Kriegen und Krisen vom 20. Jahrhundert bis heute mit Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ untermalt.

Doch das war es auch schon. Denn über weite Strecken wirkt der Film wie eine handwerklich solide Geschichtsstunde in üppiger Mainstream-Garderobe. Als hätten sich Steven Spielberg und Guido Knopp an ein gemeinsames Leinwandprojekt gewagt.

Das Ergebnis ist ein solider und spröder Kostümschinken, der nicht recht zünden will. Wer auf einen spannenden Historienfilm oder gar auf einen brisanten Aktualitätsbezug gehofft hat, wird enttäuscht. Das wirkt, als hätte man den Rebell Marx wie einen Flaschengeist ins Biopic-Format gepresst. Ein brisanter oder spannender Gehalt tritt nicht wirklich aus dem konventionellem Korsett heraus.

Genauso wenig gelingt es Peck, der historischen Filmfigur Leben einzuhauchen. August Diehl wirkt in der Rolle des jungen Marx recht unglücklich. Das liegt aber auch an den zum Teil sehr hölzernen Dialogen, die wie Fremdkörper in diesem Biopic erscheinen. Nur ein Beispiel: In einer Szene liegen Marx und Engels nach einem Trinkgelage verkatert auf dem Boden, im anschließenden Dialog sagt Marx zu seinem Freund: „Jetzt hör mir doch mal zu. Bisher haben alle Philosophen die Welt immer nur interpretiert. Aber man muss sie verändern!“ Ähnliche schnörkellose Sentenzen werden auch Marx’ Frau Jenny in den Mund gelegt: „Es gibt kein Glück ohne Auflehnung.“ Das sind zwar alles rhetorische, intellektuelle Blüten, in den Filmdialogen geht das aber nicht auf. „Der junge Karl Marx“ taugt bei der Akkumulation von wichtigen Buchtiteln und historischen Zitaten als visualisiertes Unterrichtsmaterial. Oder als Trinkspiel für marxistisch-leninistische Sekten: Einen Kurzen bei jedem revolutionären Zitat. Aber ästhetisch geht hier nichts auf. Fast wohltuend sind schon die Dialoge, in denen nicht durch geschichtsträchtige Aphorismen kommuniziert wird. Denn am Ende spürt man fast ästhetische Katerstimmung vor so vielen schlauen Sentenzen in diesem Film. Aber das ist ja auch eine Art Synthese.

 

Der Film läuft ab dem 2. März im Kino.

:Benjamin Trilling