Rottstr5-Premiere von „Fahrenheit 451“
Ein Dissident im kulturindustriellen Knast
Bild: Emanuela Danielewicz/R5Theater
Eine Welt ohne Bücher ist zum Verzweifeln: Michael Kamp in der Rolle des „Feuerwehrmanns“ Guy Montag. Bild: Emanuela Danielewicz/R5Theater
Eine Welt ohne Bücher ist zum Verzweifeln: Michael Kamp in der Rolle des „Feuerwehrmanns“ Guy Montag.

Theater. Auf den Kern reduzierte Roman-Adaptionen haben an der Rottstr5 Tradition: Dem bewährten Rezept folgt auch die Inszenierung nach Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ mit einem starken Michael Kamp als Guy Montag in einer zwei-Personen-Fassung.

Der Blick von Guy Montag verrät es: Ekel, Entsetzen, Angst. Etwas oder alles davon scheint ihm ins Gesicht geschrieben zu sein, als seine Frau über neueste TV-Rollen sinniert und sich über eine vierte Fernseher-Wand im Haus freut. Montag überlegt, wann er und seine Frau sich kennengelernt haben, doch die Erinnerung daran ist in dieser totalitären Gesellschaft in medialer Dauerregung irgendwann verloren gegangen. 

Regisseur Marco Massafra (der sich mit dieser Arbeit von den Bochumer Bühnen Richtung Stuttgart verabschiedet) entschied sich, den Roman „Fahrenheit 451“ als zwei-Personen-Fassung auf die Bühne zu bringen und auf die lyrischen Passagen zu setzen. Das verleiht der Inszenierung eine fast zeitlose Wirkung: Die zwischenmenschlichen und individuellen Auswirkungen einer Gesellschaft ohne Bücher rücken in den Vordergrund. Michael Kamp übernimmt den Part des Montag oder gibt den Erzähler, während Monika Bujinski in alle anderen Rollen schlüpft. 

Ray Bradbury veröffentlichte seinen Science-Fiction-Stoff im Jahr 1953, einer Zeit, in der auch dystopische Romane wie George Orwells „1984“ oder Aldious Huxleys „Brave New World“ erschienen. Bekannt wurde Bradburys Roman über den Feuerwehrmann Guy Montag, der in einer Gesellschaft, in der Bücher verboten sind, dafür zuständig ist, diese zu verbrennen (Fahrenheit 451 ist jene Temperatur, bei der Papier Feuer fängt) vor allem durch die Verfilmung von Francois Truffaut (1966).

 

Lange Textpassagen, karges Bühnenbild 

An der Rottstr5 haben sie sich von Thomas Manns „Tod in Venedig“ bis hin zu Vladimir Nabokovs „Lolita“ als ExpertInnen für die Adaption des literarischen Kanons erwiesen. Oft mit wenig DarstellerInnen und langen Textpassagen. Diesem Rezept folgt auch  Regisseur Marco Massafra (zuletzt mit „Kohlhaas“ als Solo-Stück an der Rottstr5): keine Requisiten, kaum Musik, sogar das Bühnenbild ist im Vergleich zu bisherigen Vorstellung karg. Holzrahmen, welche die Fernseher-Höhle der eigenen vier Wände nur andeuten, wirken wie Gitter. Der starke Michael Kamp gibt einen Guy Montag, der als leiser Dissident im kulturindustriellen Knast zweifelt und leidet. Das hat zwar wie in bisherigen Roman-Adaptionen den Nachteil, dass sich die ZuschauerInnen auch während der rund 70-minütigen Spielzeit zum Teil lange Textpassagen anhören müssen. 

Gleichzeitig ermöglicht dies, Aspekte der Vorlage auf ihren Kern zu skelettieren, so etwa auf die Figur des Guy Montag.  Keine Selbstverständlichkeit. Im Dortmunder Schauspielhaus wurde dieser Protagonist zuletzt in der Regie von Gordon Kämmerer noch vor dystopischer Seifenoper-Kulisse in eine Christus-Posse gepresst. Auf der Bühne der Rottstr5 wird Montag dagegen als Dissident ins Licht gerückt. Getragen wird das vor allem vom starken DarstellerInnen-Duo.      

:Benjamin Trilling

Zeit:Punkte

„Fahrenheit 451“, nächste Vorstellung am 13. Juli um 19:30 Uhr in der Rottstr5