Turnen im Theater
Die unerbittliche Perfektion von „Was Glänzt“
Bild: Birgit Hupfeld
Basketbälle und Liegestütze: „Was Glänzt“ versetzt die Zuschauenden mitten in eine Turnhalle. Bild: Birgit Hupfeld
Basketbälle und Liegestütze: „Was Glänzt“ versetzt die Zuschauenden mitten in eine Turnhalle.

Theater. In „Was Glänzt“ erbringen zehn Schauspielstudierende der Folkwang Universität der Künste sportliche Glanzleistungen. Unter der strahlenden Fassade weist die Inszenierung jedoch auf die Fäule hin, die im Verborgenen liegt.

Bereits zu Anfang von „Was Glänzt“,inszeniert durch Philipp Becker nach dem Text der österreichischen Autorin Gerhild Steinbuch und gespielt von zehn Schauspielstudierenden der Folkwang Universität der Künste, ist klar, dass es eine energiegetriebene Inszenierung ist. Die Zuschauer*innen treten in den Räumen der Zeche Eins in eine zum Strahlen polierte Sporthalle ein, in der sich die Aufführenden aufwärmen. Dem folgt ein gut zweistündiges Dauerfeuer von körperlicher Verausgabung und sprachlicher Anforderung. Die Sportästhetik gibt dem Stück dabei einen Wechsel von Positionen und Personenanordnungen, die ständige Abwechslungen hervorbringen.

Festung Europa

In Sportuniformen angezogen trainieren die Spielenden unentwegt und tragen einen Text vor, der deutliche Bezüge auf die Erinnerungspflicht Europas und insbesondere Deutschlands in Bezug auf Fluchtbewegungen und den Rechtsruck nimmt. Regelmäßig formen sich die Sporttreibenden zu einem Chor zusammen – einer Einheit, die sich in ihrem eigenen Glanz rühmt. Dem gegenüber steht eine einzelne Kassandrastimme, die immer wieder gegen die Vielzahl ankämpft. Kassandra, in der griechischen Mythologie die Tochter des trojanischen Königs Priamos, konnte die Zukunft voraussehen, jedoch schenkte ihr aufgrund eines Fluches niemand Glauben. „Diese Festung / Hallo Europa / Der Schmerz soll uns an uns erinnern / Falls ein Später gibt / Erkennen“. So stellt sie sich dem Chor gegenüber, der die erbrachten Erinnerungen an vergangene Schreckenstaten nicht als Mahnung für die Zukunft sieht, sondern als persönliche Belästigung.

Mensch der Schönheit

Die Wahl der Turnhalle als Bühne ist eine Erinnerung an antike Ideale des starken Menschen, der meint, sich durch körperliche Fitness vor allen Gefahren schützen zu können, die auf ihn zukommen. Gleichzeitig zeigt es das Streben nach einer Schönheit, die jedoch hohl bleibt. Nach dem bronzefarbenen, durch Schweiß glänzenden, wie Marmor geformten Körper, der aber zur Eitelkeit und Selbstüberzeugung verkommt. Die schönen, idealen Menschen sind in „Was Glänzt“ jedoch diejenigen, die es vermissen lassen, Verantwortung für die Vergangenheit als auch die Zukunft zu nehmen. Nach über zwei Stunden mehrerer angedeuteter Enden, die durch erneute Kraftschübe hinausgezögert werden, stehen die Schauspielenden vor einer Wand der eigenen Leistungsgrenzen, auf die sie sich heben müssen und bringen Ihre letzten Fetzen Energie auf. Übrig bleibt die Frage, ob die Erbringung der Leistung und die Anerkennung dieser schon selbst wieder eine Glorifizierung darstellt.                     

:Stefan Moll

Die letzten beiden Vorstellungen von „Was Glänzt“ finden am Donnerstag, 14. März und Freitag, 15. März statt. Weitere Informationen und Karten gibt es auf tinyurl.com/wasglaenzt. Studierende der RUB können die Vorstellung dank der Theaterflat kostenlos besuchen.

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