Kommentar: Sind JournalistInnen VoyeurInnen oder bilden sie nur die Realität ab?
Die Lesenden in Platons Höhle
Foto: Jonathan Bachman, Reuters
Sind FotografInnen in Krisengebieten zu distanzlos? Jonathan Bachmanns Bild zeigt kein Leid. Foto: Jonathan Bachman, Reuters
Sind FotografInnen in Krisengebieten zu distanzlos? Jonathan Bachmanns Bild zeigt kein Leid.

Kommentar. Fotografie in Krisengebieten. Voyeurismus oder doch nötige Abbildung der Realität? Ich wage mich an eine erkenntnistheoretische Annäherung.

Besucht mensch die World Press Photo 2017 Ausstellung, sieht er vor allem eins sehr häufig: Schmerz, Tod und Leid. Darstellungen von roher Gewalt und Verzweiflung dominieren die Siegermotive. KritikerInnen werfen FotografInnen in Krisengebieten immer wieder vor, ihre Bilder seien distanzlos, voyeuristisch und vulgär, während die FotografInnen beteuern, mit ihren Werken nur die Realität abzubilden und diese sei nun mal geprägt von roher Gewalt und Entmenschlichung. 

Was ist eigentlich Realität?

Eng gekoppelt an diese Diskussion ist die Frage nach Realität. Existiert eine objektive Außenwelt, von der alle Wahrnehmungen herrühren, wie John Locke und andere EmpiristInnen postulieren? Oder lebt jeder in seiner eigenen Welt, 

konstruiert aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung jedes einzelnen Individuums, wie die KollegInnen aus dem radikalen Konstruktivismus behaupten? 

Gäbe es eine eindeutige, objektive Außenwelt, wäre jedes Foto, obwohl es natürlich kuratiert und nur eine Momentaufnahme mit einem bestimmten Ausschnitt ist, eine Stichprobe aus der Gesamtheit der Realität. Je mehr dieser Bilder der/die BetrachterIn nun sieht, desto besser wird seine Annäherung an die wirkliche ‘echte‘ Realität. Oder anders gedacht: Würde man unendlich viele Fotos aus allen Zeiten und Perspektiven sehen, hätte man die ‘echte‘ Realität gesehen. In diesem Fall müsste natürlich alles dokumentiert werden, um die Realität nicht zu verfälschen. Sowohl abgetrennte Leichenteile auf verlassenen Straßen in zerstörten Geisterstädten als auch ballspielende lachende Kinder in der untergehenden Abendsonne von Aleppo, auf der Krim oder in einem anderen Krisengebiet während einer Feuerpause. 

Aber können wir diesem Anspruch genügen? Wenn wir niemals die Gesamtheit abbilden und so die Realität, sofern es diese überhaupt gibt, immer verfälschen durch die Auswahl der abgedruckten Bilder oder durch den Bildausschnitt. Dabei laufen wir als JournalistInnen Gefahr eine Realität für andere zu konstruieren. Ganz im Sinne des Höhlengleichnisses von Platon, sehen unsere LeserInnen immer nur ein Abbild, einen Schatten der Realität. Womöglich sogar nur einer einzigen Realität von vielen möglichen. Ist es dann noch gerechtfertigt Fotos von entstellten Körpern oder abgetrennten Köpfen zu zeigen? Fotos die so zur Objektifizierung dieser Schicksale beitragen?

Positivbeispiele 

Ich sage „ja!“ Ich sage, scheiß auf die erkenntnistheoretischen Diskussionen. Selbst, wenn durch Fotos eine Wirklichkeit in den Köpfen anderer konstruiert wird, zeigen sie was in Krisengebieten passiert. Mit intensiven Bildern kann in der Öffentlichkeit etwas ausgelöst werden, um politisch etwas zu bewegen – so wie etwa vor 50 Jahren das Bild des napalmversehrten Mädchens Phan Thị Kim Phúc im Vietnamkrieg. Und Krieg ist immer scheiße – für SoldatInnen, für ZivilistInnen, für Familien und für Kinder. Egal in welcher Realität.

 

:Andreas Schneider