Schauspielhaus Dortmund zeigt „Am Boden“ von George Brant
Die Farben des eigenen Lebens
Bild: Birgit Hupfeld
Nicht bloß ein Spiel: Für die Kampfpilotin verschwimmt die Realität im Krieg mit dem Familienleben. Bild: Birgit Hupfeld
Nicht bloß ein Spiel: Für die Kampfpilotin verschwimmt die Realität im Krieg mit dem Familienleben.

Theater. Wie kann man damit leben, jeden Tag Menschen zu überwachen, sie zu töten und anschließend ein Familienleben zu führen? Die Antwort: gar nicht. Genau das zeigt das Stück „Am Boden“ von George Brant, das am Schauspielhaus Dortmund Premiere feierte.

Blau wie der Himmel. Blau wie die Uniform. Blau wie das Leben. Blau bedeutet für die Kampfpilotin (gespielt von Alexandra Sinelnikova) alles. Bei ihren Kriegseinsätzen ist sie die Königin der Luft. Vor ihr haben die Männer Angst. Denn sie zeigt ihre Macht und Stärke, ihre überhebliche und bestimmende Art ganz offen. Mit einem energischen Gang und Womanspreading tritt sie der Welt und dem Publikum selbstbewusst entgegen. Einen andere*n Spielpartner*in gibt es nicht. Das textintensive Solostück „Am Boden“ von George Brant unter der Regie von Thorsten Bihegue wird vor allem von der ausdrucksstarken Alexandra Sinelnikova und von dem Sound des Live-Musikers Manuel Loos getragen. In Kombination untermalen sie die Worte, machen sie erlebbar, tragbar und schockierend. Sie schüchtert alle ein - außer Eric.

Die Farbe Rosa

Eine neue Farbe taucht im Leben der Pilotin auf: rosa. Rosa wie Samantha, die in ihrem Bauch heranwächst. Rosa wie ihre Ehe mit Eric. Rosa wie die Liebe. Aber es gibt ja noch das Blau. Und nur eine Farbe geht nicht mehr. Also wieder zur Armee. Nur diesmal darf sie nicht in den Krieg fliegen. Nein, sie bekommt eine Reaper, eine Kampfdrohne. In einem klimatisierten Raum in Nevada sitzend, bombardiert sie über einen grauen Bildschirm auffällige Männer im wehrfähigen Alter. Nun ist sie eine Göttin, hat Einfluss über Leben und Tod und ihr selbst kann nichts passieren. Sie sitzt in ihrem Olymp und richtet über die Menschen am Boden. Das ist göttlich. Untermalt von der wenig eindrucksvollen Videoinstallation sucht man in der Wüste ebenfalls nach Männern im wehrfähigen Alter und sieht die Explosionen. Danach die Rückkehr. Überflüssige Videos von Hausfrauen aus den 50er Jahren stehen im Kontrast zu dem realen Leben. Oder sind nicht die Ereignisse auf den Bildschirmen die wahre Realität? Überschneiden sich die Realitäten? Erst Krieg, dann Familienleben. Und das jeden Tag
aufs Neue.

Grau wie alles

Grau wie der Bildschirm. Grau wie die Flecken, auf die sie zielt. Grau wie die Überwachung.  Niemand ist sicher. Und rosa wird zu grau. Und wieder zu rosa. Wo ist das Blau? Und grau bin ich, oder noch blau? So läuft moderne Kriegsführung. Menschen werden überwacht und andere Menschen, meilenweit entfernt, entscheiden mit 1,2 Sekunden Verzögerung über Schuld oder Unschuld. Die Paranoia und die immer schlimmer werdende seelische Verfassung der vorher starken Figur gehen in einem Selbst auf. Beim nächsten Besuch in einer Umkleidekabine schaut man in die Kamera und winkt den Indern zu. Die Inder, die irgendwo sitzen und über einen wachen. Es werden Kartons aus dem überflüssigen Regal geholt, der Barhocker wird geschmissen, rosa Ponys fliegen. Der Friedhof der Pepsi-Flaschen wird größer. Die Göttin fällt. Und landet auf dem Boden. Kein Blau, kein Rosa, kein Grau. Nur die Warnung: „Kein Schuldiger wird verschont.“ Bumm.

:Maike Grabow

Zeit:Punkt

Mittwoch, 19. Dezember, 20 Uhr. „Am Boden“ von George Brant, Studio, Schauspielhaus Dortmund. 15 Euro.

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