Karl Marx und sein Menschenbild – Teil II
Die Entfremdung von der Natur
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Arbeit und Natur: Im Kapitalismus entfremdet. Foto: koi
Arbeit und Natur: Im Kapitalismus entfremdet.

Nach Karl Marx’ Analyse führt die Entfremdung der menschlichen Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht nur zur Entfremdung der Arbeitenden von ihrer Arbeit und den Produkten ihrer Arbeit, sondern auch zu ihrer Entfremdung von der Natur und sogar von ihrem Menschsein an sich. Mit diesen beiden Formen der Entfremdung wird die in der :bsz 964 begonnene Betrachtung von Marx’ Analyse der Entfremdung des Menschen als Folge der kapitalistischen Produktionsweise nun fortgesetzt. Als Primärquelle dienen dabei wieder die zu Marx’ Frühschriften gehörenden „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844“, in welchen die entsprechenden Gedankengänge des Philosophen und Ökonomen besonders gut nachzuvollziehen sind.

Die Entfremdung der Arbeit entfremdet die Arbeitenden nach Marx auch von der Natur als sinnlich wahrnehmbarer Außenwelt. Denn die Natur bietet den (ihrer Arbeit nicht entfremdeten) Arbeitenden „Lebensmittel“ (in einem sehr weiten Wortsinne) als Rohstoffe für ihre freie Arbeit und „Lebensmittel“ (im Sinne von Nahrung und Materialien für Kleidung, Beheizung etc.) für ihre physische Versorgung („Subsistenz“). Wird die Arbeit entfremdet, so hört die Natur auf, für die Arbeitenden „Lebensmittel“ ihrer Arbeit zu sein, da die Arbeit ihnen nicht mehr gehört, da es nicht mehr ihre Arbeit ist (sondern die der KapitalistInnen). Auch hört die Natur auf, „Lebensmittel“ für die „physische Subsistenz“ der Arbeitenden zu sein. Sie liefert in der entfremdeten Arbeit bloß Rohstoffe für Gegenstände, welche den Arbeitenden fremd sind und sie knechten (siehe Teil I in :bsz 964). Ihre für die Versorgung benötigten „Lebensmittel“ erhalten die Arbeitenden dann gegen Geld, welches sie für ihre entfremdete Arbeit bekommen. Durch die Entfremdung der Arbeit hören die Arbeitenden auf, unmittelbar tätig auf die Natur bezogen zu sein. Der Mensch wird durch die entfremdete Arbeit somit der Natur – seinem „unorganischen Leib“ – entfremdet.

Arbeit als Gattungsleben

Da die (nicht-entfremdete) Arbeit als „freie bewusste Tätigkeit“ für Marx den „Gattungscharakter des Menschen“ darstellt und ihn vom instinktiv und unreflektiert seine Lebenstätigkeit ausführenden Tier unterscheidet, wird der Mensch durch die Entfremdung der Arbeit zudem seinem Gattungs­charakter oder Gattungsleben entfremdet. Seine Arbeit wird von der bewussten Lebenstätigkeit, die sein Gattungsleben ausmacht, zum Mittel des Erhalts seiner physischen Existenz herabgesetzt. Damit wird auch das Gattungsleben des Menschen zu einem bloßen Mittel: „Das Bewusstsein, welches der Mensch von seiner Gattung hat, verwandelt sich durch die Entfremdung also dahin, dass das Gattungs[leben] ihm zum Mittel wird.“ Das Produkt seiner Arbeit, die Vergegenständlichung seines Gattungslebens, wird dem Menschen in der entfremdeten Arbeit entrissen, wodurch sie ihm auch sein Gattungsleben entreißt.

Die bewusste Lebenstätigkeit, welche den Menschen vom Tier unterscheidet, wird ihm durch die Entfremdung der Arbeit zum Nachteil. Eben weil der Mensch ein bewusstes Wesen ist, macht er seine Lebenstätigkeit, sein Wesen, zu einem Mittel für seine Existenz. Wie Erich Fromm treffend festgestellt hat, berührt Marx hier Kants Kategorischen Imperativ in der Selbstzweckformel, nach welcher der Mensch immer zugleich ein Zweck und niemals bloß ein Mittel sein darf; doch erweitert Marx „dieses Prinzip, indem er feststellt, dass das menschliche Wesen nie zum Mittel der individuellen Existenz werden darf. […] Das Menschsein des Menschen, sagt Marx, darf nicht einmal ein Mittel seiner individuellen Existenz werden.“ Durch die Entfremdung von der Natur und von seinem Gattungsleben wird der Mensch seinem Gattungswesen entfremdet, dem Wesen des Menschseins an sich.

Zwischenfazit

Marx’ Betrachtung der Arbeit als anthropologische Kategorie, welche als bewusste Lebenstätigkeit den Gattungscharakter des Menschen ausmacht, ist samt der damit verbundenen Erweiterung des  Kategorischen Imperativs ein grundsätzlich bedenkenswerter Ansatz. Fraglich ist, ob sich das Wesen des Menschen tatsächlich primär durch seine Arbeit (im weiteren Sinne) definieren lässt. Zu prüfen wäre, ob der Mensch nicht durch andere anthropologische Kategorien besser erfasst werden kann. Unabhängig davon ist Marx‘ detaillierte Analyse der Entfremdung im Kern nach wie vor brisant.

In der nächsten Ausgabe der :bsz wird die Serie zu Marx‘ Menschenbild mit der Betrachtung der Entfremdung des Menschen von seinen Mitmenschen abgeschlossen.

Patrick Henkelmann

 

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